In Armenien erhalten Organisationen, die sich gegen Gewalt an Frauen einsetzen, kaum Unterstützung

Misogyne Tradition

In Armenien herrscht ein konservatives Verständnis von Geschlechter­rollen. Organisationen, die sich gegen Gewalt an Frauen einsetzen, erhalten kaum Unterstützung. Auch gegen die Ratifizierung der »Istanbul-Konvention« gibt es Widerstand von Homophoben und Reaktionären.
Reportage Von

Die meisten Frauen kommen nachts. Die Polizei setzt sie vor der Tür ab. Manchen Frauen kann man ansehen, dass sie schon einige Tage auf der Straße verbracht haben. Sie sind meist zwischen 20 und 35 Jahre alt, haben aber eines gemeinsam: Ihre Partner haben sie verprügelt oder missbraucht, oft über Jahre hinweg. Die Frauen, die hier an der Tür des Hauses für Opfer häuslicher Gewalt in einem Vorort von Armeniens Hauptstadt Eriwan klingeln, sind traumatisiert, manche haben Todesangst. Ihre Kinder stehen neben ihnen und verstehen meist nicht, was passiert.

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Der genaue Standort des Hauses soll aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden, auch Bilder des Gebäudes oder der Bewohnerinnen sind nicht erwünscht. Maro Matosian, eine Mitarbeiterin des Hauses in roter Strickjacke und mit Halskette, klappt einen Ordner auf: Darin befindet sich ein Aufnahmebogen für die Kinder, um zu erheben, wie viel Gewalt sie erfahren haben, und einer für die Frauen. Es sind 20 Kästchen, jedes Kreuz hier bezeugt die ­lebensgefährliche Lage der Ausfüllenden. Matosian blättert weiter zu ­einem Formular, auf dem die Ankommenden unterschreiben müssen, dass sie freiwillig hier sind. »Damit die Männer später nicht behaupten, wir hätten ihre Frauen gekidnappt«, sagt sie. Dann kommt sie zu einem dritten Formular mit »Rechten und Pflichten«, »Regeln« möchte die Sozialarbeiterin, die eigentlich Kunsthistorikerin ist, dazu nicht sagen.

Das wichtigste Recht ist das auf Selbstbestimmung. Jede Entscheidung ist in Ordnung, auch wenn die Frauen nach drei Monaten wieder zu ihren Partnern zurückkehren. Auf der Seite der Pflichten steht: keine Handys benutzen, niemandem die Adresse verraten. Die bleibt geheim zum Schutz vor jenen, die den Frauen am nächsten standen, ihren Partnern, ihren Eltern, ihrer ­Familie. Das Gebäude in einer Seitenstraße sieht aus wie ein normales Wohnhaus. Eine kleine Rasenfläche befindet sich vor der Tür, nur leise dringt der Verkehrslärm von der Hauptstraße herüber.
Endlich wieder schlafen

Drei Millionen Menschen leben in Armenien, zehn Millionen Armenierinnen und Armenier in der weltweiten Diaspora. Matosian war auch im Ausland, bis sie sich entschied, nach Eriwan zu ziehen. Vor fast zehn Jahren gründete sie die Frauenrechtsorganisation »Women’s Resource Center«. Es war ­damals die einzige Organisation, die sich um Opfer sogenannter häuslicher Gewalt kümmerte, mit Fördergeldern aus den USA. Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie dieser wird in ­Armenien gern vorgeworfen, sie seien »ausländische Agenten«.

 »Die Regierung leugnet, dass es häusliche Gewalt überhaupt gibt.« Maro Matosian,
Women’s Ressource Center

Matosian klingelt an der Tür. Ihre Kollegin in Hausschlappen und einem roten Pulli macht auf. Beide nicken sich kurz zu. Das Türschloss klickt, ein, zwei, drei Mal. Sicher ist sicher. Matosian begrüßt zuerst die drei Frauen, die derzeit hier wohnen, dann die Kinder, die auf einer hellen Couch sitzen. Der Fernseher läuft. Im Hintergrund brodelt ein Kochtopf. Der älteste Junge möchte Matosian sein neues Gemälde zeigen. Es hängt im Gang, der eine Galerie für Kinderbilder ist. Zu sehen sind dort unter anderem eine dunkle Festung, ein Haus, über dem ein Herz schwebt, ein Chaos an Strichen.
In den zehn Jahren, in denen sie mit Opfern häuslicher Gewalt arbeite, habe sie einige wiederkehrende Muster kennengelernt, sagt Matosian. »Wenn die Kinder hierherkommen, malen sie meist schwarz, erst nach einiger Zeit wieder bunt.« Auf ihrem Schreibtisch öffnet sie den Brief eines Jungen. Darin beschreibt er das Schönste, das er in der Einrichtung erleben durfte: »Dass ich endlich wieder schlafen konnte.«

Das Women’s Ressource Center leitet die beiden einzigen Einrichtungen für Opfer häuslicher Gewalt in Armenien. Es gibt eine Hotline rund um die Uhr, aber nur etwa 30 Betten. Würde man EU-Standards anlegen, müsste es in ­Armenien 290 Anlaufstellen für Frauen geben, die Opfer von Gewalt sind. Eine staatliche Einrichtung existiert nicht. Matosians Haus ist von privaten Spenden abhängig, von geschenkten Spielsachen, Binden, Erste-Hilfe-Material und Babykleidung. Auf einer Tafel im Gang hängen die Bilder der Mitarbeiterinnen, Psychologinnen und Sozialarbeiterinnen. Zwei Anwälte betreuen die Fälle vor Gericht.
Immer nur Familie

Es gebe etwa 300 gemeldete Fälle von häuslicher Gewalt im Jahr, schätzt Matosian. Nur zehn Prozent davon landen vor Gericht. Beim ersten Vorfall wird ein Täter lediglich verwarnt. Wie hoch die Zahlen tatsächlich sind, weiß niemand. Es gibt kein zentrales Register, in dem Vorfälle dokumentiert werden. Die Frauen würden alleingelassen, sie fühlten sich machtlos, so Matosian. »Die Regierung leugnet, dass es häusliche Gewalt überhaupt gibt.«
2016 veröffentlichte der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen in Armenien Zahlen, die die Realität offenlegten: Jede zweite Frau äußerte, physische und psychische Gewalt durch ihren Partner erlebt zu haben.

Mehr als 20 Prozent der Befragten sagten, dass ihr Ehemann sie daran hindere, zu arbeiten und Geld zu verdienen. Knapp acht Prozent der Männer gaben an, ihre Partnerin zum Sex gezwungen zu haben. Auf die Frage, ob Gewalt in der Partnerschaft gerechtfertigt sei, stimmte ein Drittel der Befragten zu mit der Begründung, »die Familie zusammenzuhalten«.

Warum das so ist, erklärt Matosian in ihrem Büro, einem Raum mit zwei Betten für die Nachtschicht, frischer Wäsche in den Wandschränken und Nagellack »für das Selbstwertgefühl«. Die Frauen, die in ihr Haus kämen, hätten gelernt, hnazand zu sein, gehorsam gegenüber ihrem Ter, Meister, so Matosian. Es sind patriarchale Rollenbilder, die noch immer tief in der armenischen Gesellschaft verankert sind. »Hier gab es den kompletten Umbruch«, das müsse man bedenken, sagt Mato­sian, Sowjetunion, Demokratie, Regime, dann die »Samtene Revolution« von 2018 (Jungle World 15/2019). Man klammere sich an das Einzige, das sicher ­erscheine, Tradition und Familie.

Im Frühjahr 2018 erzwangen mehr als 200 000 Demonstrierende einen ­Regierungswechsel. Der Oppositionelle und wichtige Protagonist der »Samtenen Revolution«, Nikol Paschinjan, löste den Autokraten Sersch Sargsjan, der von 2008 bis 2018 Präsident und vom 17. bis 23. April 2018 Ministerpräsident war, als Ministerpräsident ab. Paschinjans Bündnis »Mein Schritt« erreichte bei Neuwahlen im Dezember 2018 über 70 Prozent der Stimmen. Er gilt vielen als Hoffnungsträger für Menschenrechte und Demokratie.

Die EU-Delegation in Armenien nennt als eine der wichtigsten Entwicklungen die Verabschiedung eines Gesetzes, das wenige Monate nach dem Regimewechsel in Kraft trat. Es trägt den kryptischen Namen »Gesetz über die Verhütung häuslicher Gewalt, den Schutz der Opfer und die Wiederherstellung des Zusammenhalts in der ­Familie«. Von häuslicher Gewalt ist zwar die Rede, aber viel mehr noch von Schlüsselprinzipien wie der »Stärkung traditioneller Werte« und der »Wiederherstellung der Familienharmonie«.

Human Rights Watch warnt, dass die Prinzipien genutzt werden könnten, um problematische Geschlechterrollen zu stärken, die Frauen dazu drängen, in missbräuchlichen Beziehungen zu bleiben. Frauen seien weiterhin gefährdet, solange Regierung und Polizei nicht adäquat auf Gewalt reagieren könnten, so die Menschenrechtsorganisation. Dazu gehört auch, dass es nicht genügend und gute Einrichtungen für Opfer gibt.
Homophobie statt Frauenrechte

Nur eine Straße von einem der zentralen Orte der Proteste 2018 in Eriwan entfernt befindet sich das armenische Parlament, die Nationalversammlung. Viele ehemalige Demonstrierende ­sitzen mittlerweile in Regierungsämtern. Die Abgeordneten haben einen großen Stapel an Reformen und Gesetz­entwürfen vor sich, vieles ist ver­sprochen, aber noch nicht verwirklicht. Der Druck auf die meisten jungen ­Parlamentarier ist groß, das Durchschnittsalter der Abgeordneten liegt bei 36 Jahren.

Soldaten patrouillieren im umliegenden, von Blautannen gesäumten Park. Eine Traube Männer mit Schirmmützen und Winterjacken steht an diesem Herbstmorgen vor dem Parlament. Sie fordern Passanten auf, auf einer Liste zu unterschreiben, rufen manchmal Parolen. »Stop the Istanbul Convention« steht auf einem Plakat. Die Unterschriftensammler stehen auch in der Haupteinkaufsstraße und am Platz der Revolution, an den Knotenpunkten der Stadt. Gerüchte besagen, sie würden von Vertretern der alten Regierung bezahlt, um Stimmung gegen einen der heikelsten Reformvorschläge der neuen Regierung zu machen. Denn die bevorstehende Ratifizierung des 2011 ausgearbeiteten »Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt«, kurz »Istanbul-Konvention«, polarisiert in der armenischen Gesellschaft. Der 122 Seite lange, völkerrechtlich bindende Vertrag wurde von 46 Staaten, darunter Armenien, sowie der EU unterzeichnet, bislang aber nur von 34 Ländern ratifiziert.

Glaubt man dem Anwalt Ara Zohrabjan, haben sich schon 50 000 Unterzeichner gegen die Istanbul-Konvention ausgesprochen. Er unterhält sein Büro in der Anwaltskammer in Eriwan: glatter, heller Fliesenboden, goldgerahmte Gemälde an der Wand, auf ­einem hängt die Waage der Justitia schief. Zohrabjan, der als erbittertster Kritiker der Konvention gilt, sitzt in seinem Büro und hat einen Ordner vor sich aufgeschlagen, zwischen den ­Seiten sind neongrüne und neongelbe Markierungen. Eine goldene Maria hängt an der Wand. Auf dem Couchtisch stehen russische Süßigkeiten.

Im Sommer stellte Zohrabjan eine Petition gegen die Ratifizierung der ­Istanbul-Konvention ins Netz. Sie habe 2 500 Unterschriften in nur zwei Tagen erhalten, erzählt er. Dann stellte Change.org die Petition offline. Der Vorwurf: Sie enthalte Hasssprache und diskriminierende Inhalte. Aber Zohrabjan macht weiter. Auf einer eigenen Website verbreitet der Leiter der Anwaltskammer Propaganda gegen die Frauenrechtskonvention. Immer wieder gibt es Proteste. Die Demonstrierenden haben dann oft Tröten, Trommeln und Megaphone dabei, auch Frauen sind darunter.

Zohrabjan, im Anzug mit lila Krawatte, ist niemand, der gerne Fragen beantwortet. Er habe schon eine Stellungnahme vorbereitet, sagt er und lehnt sich nach vorne. »Erstens«, sagt er und macht einen Strich auf ein leeres Papier, sei er gegen Gewalt. »Zweitens: Menschenrechte sind wichtig.« Er hebt die ­Augenbrauen und sagt: »Aber drittens zerstört die Istanbul-Konvention die Familie«, den Kitt der armenischen Gesellschaft. Er habe den Gesetzestext studiert, sagt Zohrabjan. Was ihn störe, sei, dass dort von »Familieneinheiten« gesprochen werde, die geschützt würden, also auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften.
Angst vor Veränderung

Auch andere Gegner der Frauenrechtskonvention empören sich über Artikel vier, in dem es um die Verhütung von Diskriminierung unter anderem wegen der Geschlechtszugehörigkeit geht. Die apostolische Kirche forderte die Regierung auf, von der Ratifizierung des Dokuments abzusehen. Konservative behaupten, das Übereinkommen sei nicht mit der armenischen Verfassung kompatibel. Es heißt, dass die Istanbul-Konvention nicht nur Frauenrechte schütze, sondern in Zukunft auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften erlaube, und das in einem Land, in dem jeder Vierte glaubt, Homosexualität sei eine Krankheit. Es ist ein Konflikt zwischen Jung und Alt, konservativen Ansichten und europäischem Einfluss.

»Die Istanbul-Konvention zerstört die Familie.« Ara Zohrabjan, konservativer Anwalt

Er kenne auch den Lebensstil in Europa, sagt Zohrabjan. Ein Freund lebe in Frankreich. Vor kurzem habe dessen Sohn in der Schule eine Woche lang ein Kleid tragen müssen, um darüber nachzudenken, wie er sich fühle, erzählt Zohrabjan und verzieht das Gesicht. Er habe Angst, dass dies in Armenien passiere, wenn die Istanbul-Konven­tion in Kraft trete und mit ihr eine Klausel, die jeder Person erlaube, ihre Geschlechtszugehörigkeit selbst zu ­definieren.
Zohrabjan lebt gerne in einer Welt mit klaren Rollenbildern. Frauen trügen lange Haare und Röcke, sagt er, und die grundlegende Funktion von Mann und Frau sei die Reproduktion. Das Übereinkommen könnte genau dieses Rollenverständnis zerstören. »Wenn der Druck der Gesellschaft nicht stark genug ist, werden sie die Konvention ratifizieren«, sagt Zohrabjan und dreht den Kugelschreiber in seiner Hand.

Doch ob die Istanbul-Konvention ratifiziert wird, ist unklar. »Sie ist gerade nicht auf der Agenda«, sagt Mikaiel Zoljan, der für die Regierungspartei »Mein Schritt« im Parlament sitzt. »Wir sollten die Konvention nicht erzwingen«, sagt er im Parlamentsgebäude. Dann folgt ein Satz, den man in Armenien immer wieder hört, wenn man über die Istanbul-Konvention spricht: »Die Gesellschaft ist noch nicht bereit dafür.«
Warten auf die Revolution

Nur wenige Kilometer weiter liegt die feministische Bibliothek, in der Armine Karapetjan arbeitet. Ob die armenische Gesellschaft jemals bereit sein werde, die Istanbul-Konvention und die Gleichstellung der Geschlechter hin­zunehmen? Sie zuckt mit den Schultern und gießt Mangoschwarztee in eine Tasse. Es gibt vegane Süßigkeiten und ein Klavier im angegliederten Café, aus dem Raucherzimmer ertönt ein Kichern. Auf einem Tisch liegen Sticker und Flyer, an den Wänden befinden sich Regale voller Bücher, in denen es um Frauenrollen, Geschlechter­identitäten und sexuelle Orientierung geht – Spenden aus dem Ausland.
Die Altbauwohnung mit dem Konferenzraum und dem Café könnte auch in Berlin-Neukölln liegen. Aber hier gibt es kein Schild an der Tür, die Adresse dieses Schutzraums für Frauen ist nicht öffentlich.

Man braucht einen Code, um in das Treppenhaus zu gelangen. Die Nachbarn ahnen nicht, was in den vier Wänden besprochen wird, als ginge es nicht um Frauenrechte, sondern um eine Verschwörung. Vor einem Jahr sorgten Anwohner dafür, dass das Zentrum innerhalb von drei Tagen seine vormaligen Räumlichkeiten verlassen musste.

Karapetjan ist hier Sozialarbeiterin und insgeheim Aktivistin. Sie sagt, ihr Vater wisse nichts von ihrer Arbeit. Diese sei geprägt von Anrufen, in denen Frauen oder LGBT davon berichten, von ihren Familien geschlagen zu werden. Karapetjan begleitet die Betroffenen zur Polizei, organisiert Schlafplätze. Aber am Ende müssen die meisten Frauen und Mädchen doch wieder zu ihren Familien zurückkehren. »Sie ­haben kein Geld, um sich ein eigenes Leben zu leisten«, sagt Karapetjan und stützt ihren Kopf in die Hand. Aktivismus in Armenien mache einsam, sagt sie.

Sie berichtet, dass viele ihrer Freundinnen sexueller Belästigung ausgesetzt seien: »In Armenien aufgewachsen, ist man immer mit denselben Problemen konfrontiert.« Entweder man werde ignoriert oder objektiviert. Ständig sei sie damit beschäftigt, sich selbst und ihren Körper zu schützen, so Karapetjan. Anders als die Frauenrechtlerin Matosian, die zurückkehrte, kennt sie in ihrem Freundeskreis nur eine Richtung: weg, nach Europa. Dorthin, wo es einfacher ist.
»Wir bräuchten eine Veränderung der Kultur und Atmosphäre«, sagt Karapetjan, eine zweite Revolution, keine politische, sondern eine ideologische; eine Bücherwand voll feministischer Literatur statt der Istanbul-Konven­tion. Der entscheidende Schritt werde nicht von der Politik kommen.
Dann sagt Karapetjan einen weiteren Satz, den man in Armenien immer wieder hört: »Wir haben die wirkliche Revolution noch vor uns.«