Albertine Sarges hat ein neues Album veröffentlicht

In guter Gesellschaft

Die Berliner Underground-Popmusikerin Albertine Sarges veröffentlicht mit »The Sticky Fingers« ein beeindruckendes Debütalbum. Eine Unbekannte ist die Musikerin, die zwischen Italo-Disco und feministischer Theorie changiert, allerdings nicht.

Die kleine Londoner Plattenfirma Moshi Moshi Records gilt nicht zu Unrecht als das Trüffelschwein unter den ­Independent-Labels, veröffentlichten sie doch seit ihrer Gründung 1998 des Öfteren die musikalischen Debüts von Bands, die danach sehr bekannt werden sollten. So erschienen bei Moshi Moshi ab 2003 die ersten Singles und EPs der Synthpop-Band Hot Chip und 2004 die gefeierte Debütsingle »Banquet« von Bloc Party, die einen Höhepunkt des damaligen Post-Punk-Revivals darstellte. Ab 2008 veröffentlichten auch Florence and the Machine ihre ersten Singles beim Indie-Label, bevor sie für den großen Durchbruch zu Island Records wechselten.

Es bleibt unklar, ob es sich um ein nach der Band benanntes Album handelt oder ob »The Sticky Fingers« der Titel des Solodebüts von Albertine Sarges ist.

Aber auch unter den dauerhaft bei Moshi Moshi beheimateten Bands lassen sich eine ganze Reihe von (noch) eher unterbewerteten Musikgruppen und Geheimtipps finden, so dass es wiederum für die Trüffelschweine unter den Musikliebhabern eine Fundgrube bildet. Dazu gehören oder gehörten hinreißende Dream-Pop-Acts wie Au Revoir Simone, das Disco-Projekt Hercules & Love Affair – bekannt durch die Hit-Single »Blind« mit Anohni von 2008 –, die Indiepop-Newcomerinnen von Girl Ray oder der arrivierte Folk-Singer/Songwriter Jeffrey Lewis. Da überrascht es nicht, dass das Debütalbum der umtriebigen Berliner Musikerin Albertine Sarges und ihrer Band bei dem Londoner Label erscheint. Sie befinden sich dort in guter Gesellschaft.

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Bereits im August brachten sie die grandiose Debütsingle »Free Today« mit dazugehörigem Video heraus. Sarges changiert in dem Lied zwischen Sprechgesang und melodischen Einschüben, die in eine Art Refrain münden, bei dem Lisa Baeyens (vor allem Querflöte) und Shanice Ruby Bennett (vor allem Bass) in den Harmoniegesang einstimmen, während Schlagzeuger Robert Kretzschmar einen treibenden Beat über der geradlinigen, fast schon tech­noiden Bassdrum anschlägt.

Als Eröffnung des Songs, mit dem auch das Album beginnt, zitiert ­Sarges eine Passage aus dem Buch »Living a Feminist Life« von Sara ­Ahmed, in der diese nahelegt, dass feministische Theorie nicht auf das beschränkt werden solle, was akademisch als Theorie angesehen ist. Von dort geht Sarges’ fast schon programmatischer Song über in Reflexionen und Ermutigungen über persönliche Freiheit unter der Vorgabe: »You’re free today.«

Inhaltlich verwandt mir der letztjährigen Single der Sterne, »Du musst gar nichts«, nennt Sarges eine Reihe von gesellschaftlichen oder individuellen Zwängen, insbesondere für Frauen, von denen das lyrische Du, das Sarges selbst zu sein scheint, sich bewusst freimachen solle, zum Beispiel zu lächeln, wenn »dir« nicht danach ist, oder Verträge zu unterzeichnen, deren Bedingungen »du« nicht zustimmen möchtest. Diese Überlegungen werden gelegentlich mit Call-and-Response-­Elementen kommentiert, bei denen Baeyens und Bennett die Aussagen Sarges’ noch verstärken: »You won’t. We won’t«, oder: »No! No, I will not.«

Gleichzeitig wird ein lebensfrohes, hedonistisches Gegenbild entworfen, bei dem Sarges im Spätsommer nackt (»You take off your bra, let them hang«; Lisa Baeyens: »Yeeaahh!«) genüsslich alleine in einem See schwimmt – »cause you’re free today«. Diese gute Laune zeichnet auch den zweiten Song »(You, Me and) The Girls« aus, in dem ebenfalls reichlich bestärkender Humor innerhalb der Gruppe zum Einsatz kommt und der Bandname The Sticky Fingers gewählt wird (»I love, love my fingers sticky. – That’s our new band name!«). Es bleibt im ­Übrigen unklar, ob es sich um ein nach der Band benanntes Album handelt oder ob »The Sticky Fingers« der Titel des Solodebüts von Sarges ist.

Bei aller Verträumtheit und Offenheit der experimentierfreudigen Musik von Sarges und Band ist es für den Sound dennoch entscheidend, dass Gitarre, Bass und Schlagzeug sehr genau zusammenwirken. Diese Präzision ist ebenso wichtig für die verschiedenen Gitarrenschichten und -motive, die Sarges im Alleingang als Virtuosin am Loop-Pedal anhäuft. Hier findet sich eine gewisse Ähnlichkeit zu der vergleichbar entrückten wie dynamischen US-Indierockband Pinback. Dabei erscheint Sarges nie wie eine Frontfrau mit austauschbarer Begleitband, sondern die vier Mitglieder der Gruppe ­agieren miteinander extrem harmonisch und ­organisch; insbesondere auch die für derlei Popkompositionen eher ungewöhnliche Querflöte reiht sich elegant ein.

Ein weiteres Lied, das auf dem Album hervorsticht, ist das einzige, bei dem Sarges in ihre deutsche Muttersprache wechselt: Bei »Stille« handelt es sich um ein unmittelbares, poetisches Liebeslied, das auch durch den Sprachwechsel eine andere Stim­mung, eine neue, verletzliche Facette zu Sarges’ ohnehin ausgeprägter Ausdrucksbreite hinzufügt. Deutschsprachige Songs klingen schnell ­kitschig oder trivial, umso stärker erscheint Sarges’ Suche nach den rich­tigen Worten und Bildern, um Gefühle von Zuneigung und Unsicherheit auszudrücken: »Da wo Du bist ist /Stille Stille Stille / Wie ein Heiligtum /Ein Drumherum / Das keiner versteht /Aber jeder fühlt«. Rhythmisch vertrackt umspielen dabei Gesang, Gitarre, Bass und Synthie den gleichförmigen Beat.

Albertine Sarges ist kein Neuling im Berliner Underground-Pop. Unter anderem wirkte sie in den Bands oder Projekten von bekannteren Musikerinnen wie Kat Frankie (am ­Keyboard) und Holly Herndon (als Co-Sängerin) mit. Vor allem gründete sie 2013 mit ihrem Mitstreiter Sebastian Eppner (a.k.a. Lo Selbo) die Italo-Discopopband Itaca. Dort tritt Sarges als ihre divenhafte Bühnenpersona Ossi Viola in Erscheinung. In extra­va­ganten Kostümen performt das ­Berliner Duo seine eigenwillige, überkandidelte Retro-Version von italienischem Pop der Achtziger – mit italienischen Texten, als deren Urheber die Alter Egos von Eppner und Sarges genannt werden.

Man mag sich kaum vorstellen, wie die Gruppe damit in Italien durch linksalternative Konzertläden tingelt und dort große Begeisterung auslöst, aber so ist es zumindest der Legende nach geschehen. Selbo und Viola haben mit »Big in Itaca« (2015) und »Itaca mi manchi« (2017) bisher zwei Alben herausgebracht. Die Gruppe ist weiterhin aktiv, 2019 kam zudem der semifiktionale Dokumentarfilm »San Remo« heraus, der die Band in Form eines Road Movie zum Musikfestival in San Remo begleitet.

Die als Ossi Viola mit Itaca erprobte Selbstinszenierung Sarges’ findet sich auch bei den Sticky Fingers wider: Kostüme, Perücken sowie ande­re Masken- und Rollenspiele gehören zum Standardrepertoire nicht nur in den Musikvideos. Neben der etwas souligeren Gruppe People Club, die bisher erst eine EP, »Kil Scott« (2020), und einige Singles (zuletzt den Song »Francine«) veröffentlicht hat und mit der Sarges schon des Öfteren ­gemeinsam auftrat, ist sie zurzeit wohl der größte Shooting Star der Berliner Avantpop-Szene. Durch die Reichweite und internationale Ausrichtung von Moshi Moshi könnte sie nun auch jenseits des europäischen Festlands das Publikum erreichen, das sie für ihre Musik zweifelsohne ­verdient.

Albertine Sarges: The Sticky Fingers (Moshi Moshi)