Die Bundesregierung hat Einsamkeit als gesellschaftliches Problem entdeckt

Arbeit ist auch keine Lösung

Es ist nicht überraschend, dass Einsamkeit während der Pandemie zunahm, da die sozialen Kontakte außerhalb des eigenen Zuhauses stark eingeschränkt waren. Besonders Erwerbslose und Frauen sind von Einsamkeit betroffen.
Kolumne »Schicht im Schacht« Von

Lohnarbeit bringt Druck, Zwang und oft sozialen Stress mit sich. Dennoch gehen manche Menschen arbeiten, auch wenn sie keine finanzielle Notwendigkeit dazu sehen. Dies hat verschiedene Gründe. Ein wichtiger Grund ist die Gesellschaft von Kolleg:innen, die gegen Vereinsamung hilft. In den vergangenen Jahren hat das Thema Einsamkeit auch politisch an Bedeutung gewonnen, da Einsamkeit krank macht und Krankheit den Staat Geld kostet.

Laut einer Studie leiden Frauen in Deutschland häufiger unter Einsamkeit als Männer. Die Pandemie hat den »Gender Loneliness Gap« weiter verstärkt, wie aus dem kürzlich erstmals vorgestellten sogenannten Einsamkeitsbarometer des Bundesfamilienministeriums hervorgeht. Der Anteil der »Einsamkeitsbelasteten« bei Frauen stieg von 8,8 Prozent im Jahr 2017 auf 33,2 Prozent im Pandemiejahr 2020 an, fiel jedoch 2021 wieder auf 12,8 Prozent.

Besonders einsam sind laut der Studie Alleinerziehende, Arbeitslose, gering Qualifizierte, chronisch Kranke sowie Menschen mit Migrations- oder Flucht­er­fah­rung.

Es ist nicht überraschend, dass Einsamkeit während der Pandemie zunahm, da die sozialen Kontakte außerhalb des eigenen Zuhauses stark eingeschränkt waren. Viele Menschen arbeiteten sogar von zu Hause aus. Auch nach dem Ende der Pandemie blieben viele im Homeoffice. Im Jahr 2022 arbeiteten laut dem Statistischen Bundesamt noch 24,2 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland zumindest gelegentlich im Homeoffice, im Vergleich zu nur 12,8 Prozent im Jahr 2019. Dieser Trend zum own office setzt sich fort und erhöht das Risiko von Einsamkeit.

Besonders einsam sind laut der Studie Alleinerziehende, Arbeitslose, gering Qualifizierte, chronisch Kranke sowie Menschen mit Migrations- oder Flucht­er­fah­rung. Dass Arbeitslose besonders gefährdet sind, hängt sicherlich auch mit dem Mangel an sozialer Teilhabe insgesamt zusammen. Denn obwohl arbeitslose Menschen weniger Sozialkontakte haben als die die Mehrzahl der Beschäftigten, führt die bloße Präsenz von Menschen um uns herum oder das flüchtige »Mahlzeit« nicht zu mehr Glück oder Freundschaften.

Es geht um Armut

Die Forscher:innen haben herausgefunden, dass vor ­allem ein höheres Einkommen und die deutsche Staatsbürgerschaft vor Einsamkeit schützen. Letztlich geht es also wieder um Armut. Wer es sich leisten kann, der ist auch nicht einsam. Eine gute Infrastruktur mit Begegnungsräumen für Arme könne Abhilfe schaffen, vermutet das Familienministerium.

Wem keine Zeit oder Energie bleibt, um seine sozialen Kontakte zu pflegen, der wird keinen großen Freundeskreis haben. Wer sich um Kinder kümmert, den Haushalt führt und 40 Stunden pro Woche arbeitet, hat sicherlich kein besonders ausgeprägtes Sozialleben. Und wer sich Konzertkarten oder die Mitgliedschaft im Sportverein nicht leisten kann, wird auch keine neuen Freunde finden.