Mexiko ein Jahr nach dem Verschwinden der Studenten von Ayotzinapa

Das Jahr der Wut

Am 26. September jährte sich das gewaltsame Verschwindenlassen der Studenten von Ayotzinapa. Aufarbeitung und Gerechtigkeit lassen in Mexiko immer noch auf sich warten.

»Ich denke, also lassen sie mich verschwinden«, gemahnte vor einem Jahr ein Graffito am Unabhängigkeitsdenkmal in Mexiko-Stadt an das Verbrechen, das kurz zuvor stattgefunden hatte. In der Nacht vom 26. auf den 27. September 2014 verschwanden in der Kleinstadt Iguala, gelegen im ökonomisch und sozial abgehängten Bundesstaat Guerrero, 43 Studenten der ländlichen Lehramtsschule Raúl Isidro Burgos aus Ayotzinapa. Entgegen anfänglichen staatlichen Verlautbarungen, dass es sich um eine konzertierte Aktion der lokalen Polizei und des Drogenkartells Guerreros Unidos gehandelt habe, rückt seit einigen Monaten die aktive Beteiligung und das Mitwissen des Militärs, der Landes- sowie der Bundespolizei immer stärker in den Vordergrund. Bei Angriffen auf von den Studenten gekaperte Busse, mit denen sie am 2. Oktober zu einer Gedenkdemonstration in die Hauptstadt fahren wollten, starben durch Schüsse drei Studenten sowie drei weitere Zivilisten. Später wurden an unterschiedlichen Orten 43 der Studenten in Polizeifahrzeugen abtransportiert. Seitdem sind die 43 jungen Männer als verschwunden. Viele von ihnen waren Indigene, die meisten kamen aus armen bäuerlichen Familien, alle waren politisch aktiv. Mexiko ist seitdem ein anderes Land, die Proteste für die Aufklärung des Verbrechens gehen, wenngleich weniger massenhaft und in veränderter Form, auch noch ein Jahr danach weiter. Zugleich gilt jene Nacht in Iguala als der Anfang einer tiefen Legitimationskrise der Regierung des Präsidenten Enrique Peña Nieto. In der Zeit nach dem Verbrechen kam es zu diversen Massendemonstrationen mit bis zu 100 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Mexiko-Stadt, Regierungsgebäude in Guerrero wurden angezündet, mehrfach erklärten sich Bezirksgemeinden in dieser Region für autonom und es gab Solidaritätsaktionen der zapatistischen Bewegung im Südosten des Landes. Plötzlich wurde nicht nur offen über die verheerende Gewalt im eigenen Land geredet, sondern auch deren Systematik und die aktive Rolle staatlicher Stellen betont. Eine große Suche begann und versteckte Massengräber wurden entdeckt – denn rund 27 000 Mexikanerinnen und Mexikaner gelten offiziell als verschwunden. Auch weltweit gab es viele Solidaritätsbekundungen. Am Jahrestag des Verbrechens wurde in Mexiko-Stadt bei strömendem Regen der Vermissten gedacht; der Zócalo, einer der größten öffentlichen Plätze weltweit, füllte sich zusehends. Die Angehörigen werden weiterhin nicht alleingelassen und auch soziale Bewegungen wie die Zapatistische Befreiungsarmee (EZLN) wissen aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen um die Trauer und den Schmerz der Familien. An diesem Tag hielten die Zapatisten auf ihrem Territorium Mahnwachen mit Tausenden Menschen ab und verkündeten: »Denn die Zeit wird kommen, wenn die zahlen, die uns alles schulden.« Das Verbrechen von Ayotzinapa wurde bereits kurz nach der Tat zum Symbol für die maßlose Gewalt in Mexiko. Die Eltern der verschwundenen Studenten arbeiten mit dem in Guerrero ansässigen Menschenrechtszentrum Tlachinollan zusammen, das ihnen juristische und psychologische Unterstützung zukommen lässt. Mit der mexikanischen Bundesregierung haben sie ein Abkommen darüber geschlossen, dass die Interamerikanische Menschenrechtskommission (CIDH) eine fünfköpfige Gruppe von weltweit anerkannten Expertinnen und Experten in das Land entsendet, um unabhängige Nachforschungen in dem Fall zu betreiben. Auch das renommierte Argentinische Team für Forensische Anthropologie (EAAF) befindet sich seit vergangenem Jahr für eigene Untersuchungen im Land. Das sechsmonatige Mandat der Expertengruppe, abgekürzt als GIEI, endete im September und die Regierung wurde um eine Verlängerung gebeten. Der 560 Seiten lange Zwischenbericht, den die Gruppe Anfang September präsentiert hat, sorgt seither für Furore. In ihm wird mit der vom Staat am 27. Januar proklamierten »historischen Wahrheit« unmissverständlich aufgeräumt. An diesem Tag gab der – mittlerweile aus dem Amt entfernte – Generalbundesstaatsanwalt Jesús Murillo Karam auf einer Pressekonferenz bekannt, dass die 43 jungen Männer allesamt auf der Müllhalde von Cocula verbrannt und ihre sterblichen Überreste in Müllsäcken in den naheliegenden Fluss geworfen worden seien, der Fall nun daher als abgeschlossen betrachtet werden müsse. Die GIEI widerlegte jedoch diesen Tathergang, unter anderem hätte eine Leichenverbrennung dieser Größenordnung viel zu lange gedauert. Die Suche nach den Studenten müsse daher weitergehen. Hinzu kommt, dass es statt der vom Staat angegebenen vier Busse insgesamt fünf Busse gab, die von den Studenten benutzt wurden. Die Expertengruppe spricht dem fünften Bus eine entscheidende Bedeutung zu und vermutet, dass dieser mit versteckten Drogen beladen war. Die Studenten wussten davon nichts, es könnte aber das Ausmaß der organisierten Gewalt gegen sie erklären. Seit längerem ist bekannt, dass von der Sierra Madre ausgehend beachtliche Mengen an Drogen in die USA geschmuggelt werden. So titelte auch die mexikanische Tageszeitung Milenio am 20. April: »Guerreros Unidos überschwemmten Chicago mit Heroin.« Die Staatsanwaltschaft hat bislang gegen 131 Personen Haftbefehl erlassen, 111 davon wurden festgenommen und Verfahren gegen sie eröffnet – verurteilt wurde noch niemand. Überzeugt von den offiziellen Ermittlungen zeigen sich die Kommilitonen der Vermissten nicht. Zu oft wurde bereits Falsches verbreitet, zu viele Geständnisse wurden unter Folter erzwungen, wie die investigativen Journalisten Steve Fisher und Anabel Hernández erst kürzlich nachwiesen. Vier vermeintliche Auftragsmörder seien in Wahrheit einfache Handwerker und unter Folter zur Aussage gezwungen worden. Kurz vor dem Jahrestag kam es nun zur Verhaftung von Gildardo Astudillo alias »El Cabo Gil«, eines Mitglieds der Guerreros Unidos, der einer der Hauptverdächtigen ist. Am 31. Oktober 2014 tauchte in Chilpancingo, der Hauptstadt Guerreros, ein Plakat auf, das die Verstrickung zweier ranghoher Militärangehöriger des in Iguala gelegenen 27. Infanteriebataillons in das Verbrechen behauptete. Unterschrieben war die Bekanntmachung mit El Cabo Gil. Obwohl die unabhängige Expertengruppe mehrfach gefordert hatte, die Kaserne des besagten Bataillons betreten und inspizieren zu dürfen, wurde diese Anfrage von der Bundesregierung abgewiesen. Vermutungen und Gerüchte, dass sich die Vermissten an geheimen Orten innerhalb der Kaserne aufhalten könnten, erhielten dadurch Aufwind. Am 16. September verkündete die neue Generalbundesstaatsanwältin Arely Gómez, dass eine Leiche, deren verbrannte Überreste in Mülltüten gefunden worden seien, als die eines zweiten Studenten identifiziert worden sei. Es handele sich um Jhosivani Guerrero de la Cruz. Das argentinische Forensikteam zweifelt jedoch an den Ergebnissen, zumal es selbst nicht beim Fund der Müllsäcke im vergangenen Jahr anwesend war. Als im Dezember ein Backenzahn von Alexander Mora Valencia identifiziert und er damit für tot erklärt wurde, rief sein Vater am Unabhängigkeitsdenkmal aus: »Wir werden nicht um Alexander weinen, aber wir hoffen, dass sein Tod das Samenkorn sein wird, damit die Revolution erblüht.« Die unerbittliche Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit wird andauern.

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