Erinnerung an die verstorbene italienische Kommunistin Rossana Rossanda

Besiegte Kommunistin

Sie war Parteimitglied, Zeitungsmacherin, kritische Feministin: zum Tod von Rossana Rossanda.

Das Wiedererstarken der neofaschistischen Rechten beobachtete Rossana Rossanda in ihren letzten Lebensjahren mit Sorge: Den Aufstieg nicht aufzuhalten, sei »die Schuld der Linken, die Schuld unserer Seite«. Noch in ihren letzten Interviews verortete sie sich (selbst-)kritisch auf einer Seite, die im politischen Tagesgeschäft längst in der Bedeutungslosigkeit versunken ist. Am 20. September ist die Intellektuelle der einst großen italienischen Linken im Alter von 96 Jahren in Rom gestorben.

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Viele Nachrufe bemühten den Vergleich mit Rosa Luxemburg, beschworen den Mythos von der Grande Dame des italienischen Kommunismus. Rossanda hat diese Zuschreibungen in ihrer Autobiographie, die 2007 in deutscher Übersetzung unter dem Titel »Die Tochter des 20. Jahrhunderts« erschien, als Projektionen zurückgewiesen. An der Selbstcharakterisierung als Kommunistin hat sie jedoch festgehalten. Sie begriff die Niederlage als Herausforderung: »Der Kommunismus ist so kläglich gescheitert, dass man sich unbedingt damit auseinandersetzen muss.« Die Geschichte dieses Scheiterns ist Teil ihrer Lebensgeschichte.

Mitten im Zweiten Weltkrieg begann sie 1941 in Mailand ihr Studium der Kunstgeschichte und Philosophie. Über Antonio Banfi, ihren Philosophieprofessor, bekam sie Kontakt zur Resistenza, übernahm Kurierdienste für die italienische Widerstands­bewegung gegen den italienischen Faschismus und den Nationalsozia­lismus. Nach 1945 war »Berufsrevolutionärin« schon keine gängige Bezeichnung mehr, doch für Rossanda wurde die Arbeit im Partito Comunista Italiano (PCI) nach dem Abschluss ihres Studiums zur Berufung. Als Verantwortliche für die Kultur­politik der Partei kämpfte sie gegen Tendenzen zur nationalpopulistischen Borniertheit. In der größten kommunistischen Partei Westeuropas sollten Kommunismus und Avantgarde zusammengehen. Bildung durfte kein Privileg mehr sein und »dem Populismus und Provinzia­lismus der Ausgeschlossenen durfte man keine Zugeständnisse machen«.

Rossanda war anspruchsvoll und fordernd, sowohl was sie selbst als auch was andere betraf. Mehr als zwei Jahrzehnte machte sie im PCI Karriere, wurde Mitglied im Zentralkomitee und Parlamentsabgeordnete. 1969 gehörte sie zu den Mitgründern der Monatszeitschrift Il Manifesto, in der die Parteiführung für ihre desinteressierte bis abweisende Haltung zur Arbeiter- und Studentenbewegung sowie ihre zurückhaltende Reaktion auf die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 kritisiert wurde. Auf die Linksabweichung folgte der Parteiausschluss. Für die Manifesto-Gruppe begann mit der Umwandlung des Monatshefts in eine gleichnamige, partei­unabhängige Tageszeitung 1971 der Versuch, die kommunistische Tra­dition mit dem militanten Politikverständnis der Neuen Linken zu verbinden. Rossanda hat diesen Teil ihres Lebens in ihrer Autobiographie als eine »andere Geschichte« angekündigt, aber zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlicht. Es ist vor allem diese andere Geschichte, ihre Arbeit in der noch immer erscheinenden Tageszeitung, die sie als Journalistin und Essayistin, als streitbare Intellektuelle der internationalen Linken berühmt machte.

Zum Skandal wurde ihre Kolumne »Familienalbum«, in der sie 1978, während der Entführung des ehemaligen christdemokratischen ­Ministerpräsidenten Aldo Moro durch die Brigate Rosse, die Entführer nicht einfach als Terroristen brandmarkte, sondern einer linken Tradition zuordnete. Rossanda lehnte den bewaffneten Kampf ab, doch kritisierte sie auch die Weigerung der (Partei-)Linken, ihre reformistische, auf den »historischen Kompromiss« mit dem politischen Gegner ausgerichtete Politik zu hinterfragen. Für sie gehörten die militanten Gruppierungen der siebziger Jahre zur ­Geschichte der italienischen Linken, deren Aufarbeitung nicht allein dem staatlichen Repressionsapparat überlassen werden dürfe.

Zwiespältig, doch äußerst produktiv war ihr Verhältnis zur Frauen­bewegung. Rossanda verstand sich nicht als Feministin. Harsch grenzte sie sich gegen eine spezifische »Frauenpolitik« ab, eigensinnig wies sie zugleich jede Vereinnahmung seitens des Gleichheitsfeminismus zurück. In ihrer Autobiographie charakterisierte sie sich als emanzipierte Frau, der bewusst war, dass sie ihrem Frausein nicht entkam. Schließlich nahm sie die Herausforderung ihrer feministischen Freundinnen an. Ab den achtziger Jahren beteiligte sie sich an mehreren feministischen Zeitschriftenprojekten und öffnete sich konfliktfreudig einer Diskussion über die sexuelle Differenz: »Dieses Geschlecht, das kein Geschlecht ist, wurde mir nun zu einem.«

Nach der historischen Niederlage der Linken betrachtete sich Ros­sanda selbst als eine »besiegte Kommunistin«, doch sie bereute nichts, verharrte nicht in Melancholie, blieb unduldsam. Mit ihrer politischen Leidenschaft begründete sie in der kollektiven journalistischen Arbeit, im konfrontativen Verhältnis zu den Feministinnen eine Genealogie kritischer, weiblicher Intellektualität.