Die Deradikalisierungsprogramme für Jihadisten in Österreich und den Niederlanden

Augen und Ohren

Viele Staaten versuchen, mit Deradikalisierungsprogrammen islamistische Anschläge zu verhindern. Wie funktioniert das? Ein Blick auf die Ansätze und Träger solcher Programme in Österreich und den Niederlanden.

Die jüngsten jihadistischen Anschläge in Europa zeigen, dass islamistischer Terrorismus weiterhin eine Gefahr darstellt. Es existieren Untergrundstrukturen sowie sympathisierende Milieus, aus denen immer wieder Attentäter hervorgehen. Deradikalisierungsprogramme sollen dem entgegenwirken. Kujtim F., der Attentäter von Wien (Keiner will’s gewesen sein), hatte an einem ­solchen teilgenommen – doch einzelne Misserfolge sagen wenig über den Nutzen solcher Programme aus.

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Radikalisierung wird in der Terrorismusforschung meist als komplexer Anpassungsprozess an eine Ideologie oder Religion verstanden, die auf eine grundsätzliche Veränderung des bestehenden gesellschaftlichen Systems zielt. Ähnlich dem bürgerlichen Extremismusbegriff sagt diese Definition wenig über die Ideologie aus, um die es jeweils geht. Das kritisieren manche Experten und Expertinnen. Die Politikwissenschaftler Samuel Salzborn und Matthias Quent beispielsweise sprechen von einem »dynamischen Extremismus«, den antiliberale und antiindividualistische Einstellungen sowie ­kollektive Homogenitätsvorstellungen kennzeichnen. Im Jihadismus dient dazu das Ideal der Umma, der Gemeinschaft der Gläubigen, doch entsprechen auch völkische Ideale des Rechtsextremismus dieser Definition.

In der Praxis sind Deradikalisierungsprogramme oft Teil von Resozialisierungsmaßnahmen und Bewährungsauflagen; so war es auch im Fall von F. Ihre wichtigsten Träger in Österreich sind die Vereine Neustart und Derad, die Sozialen Dienste der Justizanstalten und die Beratungsstelle Extremismus, die sich der Prävention widmet.

Neustart ist unter anderem für Bewährungshilfe zuständig und mit 1 500 haupt- und ehrenamtlichen Beschäftigten eine der größten sozialen Organisationen Österreichs. Für die Arbeit mit nach Paragraph 278 des Straf­gesetzbuchs der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung beschuldigten beziehungsweise deswegen verurteilten Personen wurde das Deradikalisierungsprogramm »Neustart jetzt« entwickelt. 40 speziell geschulte Bewährungshelfer und -helferinnen betreuen etwa 70 sogenannte Gefährder und Gefährderinnen. Die Fachkräfte verfügen über »vertieftes Wissen über Radikalisierungsprozesse, Religion und Weltsicht der Klientinnen und Klienten«, so Bernhard Glaeser von Neustart.

Das Personal von Derad ist pädagogisch geschult und religiös informiert, es arbeitet in Haftanstalten in ganz ­Österreich. Dazu werden Interventions-, Abklärungs- und Gruppengespräche mit als radikalisiert eingestuften Gefangenen und nach dem Paragraph 278 verurteilten Personen geführt. Wie Neustart wird Derad auf Anordnung von Richtern und Richterinnen tätig, die Teilnahme an den Programmen ist also nicht freiwillig.

Mit Versatzstücken islamistischen Gedankenguts und Ressentiments, etwa antisemitischen oder homophoben Aussagen, sind Lehrkräfte sowie Beschäftigte der offenen Jugendarbeit und Sozialarbeit auch jenseits von Gefängnis und Bewährungshilfe in ihrer alltäglichen Arbeit immer wieder konfrontiert. Armut und Diskriminierung zu alleinigen Ursachen von Radikalisierung zu erklären, heißt, die politische und ideologische Dimension des Jihadismus zu unterschätzen. Auch Konvertiten und Konvertitinnen ohne Migrationserfahrung und Menschen aus stabilen sozioökonomischen Verhältnissen sind für islamistische Ideologie empfänglich. Die Radikalisierung, die zum Jihadismus führt, ist ein individueller Prozess mit komplexen Hintergründen, zu denen biographische Brüche, Entfremdungserfahrungen, toxische Familienverhältnisse und Wertvorstellungen oder Kriegstraumata gehören.

Fabian Reicher, Sozialarbeiter der Beratungsstelle Extremismus, verweist auf Faktoren, die gehäuft auftreten: delinquentes Verhalten und Kleinkrimi­nalität, eine Ablehnung des religiösen Verständnisses der Elterngeneration sowie eine Sozialisation in Gangs und Kampfsportvereinen. Bei Tschetschenen und Tschetscheninnen spielten etwa ein patriarchales Familien- und Männlichkeitsbild, Traumatisierung durch Kriegserfahrung und die Dominanz islamistischer Kräfte in der Diaspora eine zentrale Rolle. Orte der Radikalisierung seien vor allem Moscheen, das Umfeld salafistischer Prediger und digitale Chatrooms. Auch in Gefängnissen würden viele Kämpfer für den Jihad angeworben.

Es gehe bei der Deradikalisierung um »kritische Reflexion, Aufarbeitung und Abkehr von der bisherigen Ideologie«, so Bernhard Glaeser in einem ­Positionspapier des Vereins Neustart. Ein weiteres Ziel im Kontext der Bewährungshilfe ist die Reduktion der Gewaltbereitschaft. Im Vordergrund steht die Übernahme von Verantwortung für begangene Straftaten und die Auseinander­setzung mit der eigenen Biographie.

Eine vergleichbare Mischung aus Bewährungshilfe und Prävention gibt es in den Niederlanden, die in der Deradikalisierungsarbeit international als Vorbild gelten. Anlass dafür, ein neuartiges Präventionskonzept zu etablieren, war hier die Ermordung des islamkritischen Regisseur Theo van Gogh im ­November 2004. In Großstädten und verarmten Stadtvierteln arbeitet ein Netzwerk von Kontaktpersonen, die als ogen en oren (Augen und Ohren) fungieren. Diese Rolle übernehmen Fachkräfte der Polizei, der Sozialarbeit oder Lehrpersonen, aber auch sleutelfiguren (Schlüsselfiguren) in den Vierteln aus Sportvereinen oder Moscheen. Durch ein dichtes Kontrollnetz sollen Anschläge verhindert und gefährdete Jugendliche, die am Beginn einer Radikalisierung stehen, frühzeitig erreicht werden. Straftäter und Straftäterinnen werden standardmäßig von zwei Personen der Resozialisations- beziehungsweise Bewährungshilfe betreut. Die Maßnahmen reichen von psychologischer Hilfe, Schuldenerlass und Arbeitsvermittlung bis zu verordneten Kontaktverboten oder der Anweisung, in eine andere Stadt umzuziehen.

Der Erfolg von Deradikalisierungsprogrammen ist nicht messbar. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften haben in einer Studie über Hintergründe und Präventionsmöglichkeiten jihadistischer Radikalisierung festgestellt, dass eine ausreichende Zahl von Beratungsstellen sowie spezifische Ausstiegsprogramme vonnöten sind. Bei Programmen der Bewährungshilfe gilt die verstärkte Koopera­tion zwischen Institutionen der Sozialarbeit und Sicherheitsbehörden als hilfreich.

Die Verknüpfung von Sozial- und Polizeiarbeit, Hilfsangeboten und Zwangsmaßnahmen ist allerdings nicht unproblematisch. Komplexer noch ist die Frage des Umgangs mit der dem jihadistischen Terror zugrundeliegenden Ideologie. Dies betrifft etwa die Zusammenarbeit mit konservativen Islamverbänden, die für Gewaltfreiheit eintreten, aber für eine nach restriktiven Moralvorstellungen lebende Umma werben. Zudem bedeutet die Wiedereingliederung in »die Gesellschaft« in der Regel die Rückkehr in ein patriarchal-religiöses Milieu, etwa die tschetschenische community. So können ­Deradikalisierungsprogramme zwar individuell wirksam sein, sie ändern aber nichts an den Zuständen, die den Jihadismus hervorbringen.