Die Essays von Joan Didion erscheinen in neuer Übersetzung

Das intellektuelle Dreamgirl

Im vergangenen Jahr verstarb die US-amerikanische Schriftstellerin Joan Didion. In den Nachrufen überbot man sich mit Superlativen, doch der Antimoralismus, den man auch ihren nun erscheinenden neu übersetzten Essays entnehmen kann, wurde weniger gewürdigt.

Als Joan Didion im Dezember 2021 in ihrem 88.Lebensjahr starb, hoben Nachrufe auch hierzulande die Einzigartigkeit ihres schriftstellerischen Talents hervor. Eine »Ikone« sei sie gewesen, »eine der bedeutendsten Autorinnen der USA« (Zeit), eine »weltberühmte Essayistin« (SZ); eine »Riesin«, die den Journalismus »revolutionierte« und »die Literatur der USA prägte« wie kaum eine Zweite (Bayerischer Rundfunk) – man überbot sich in Superlativen. Zugleich gab es über das vielschichtige Werk der Ausnahmerekordjahrhundertessayistin, über ihre Romane, Sachbücher, Essays und Reportagen offenbar wenig oder immer nur das Gleiche zu sagen.

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So ähnlich waren sich die Nekrologe, dass man »Didion-Bingo« mit ihnen spielen konnte: Sacramento (ihr Geburtsort, aus dem sich immer irgendwie auch Didions Schreibstil und Themenwahl erklären lassen sollen); Kalifornien (»weltanschauliche Erdung«); Berkeley (Studium); Hippies (»schonungslose Reportagen«); Vogue (Praktikum gewonnen, Schreiben gelernt); New York (zweite Heimat); New Journalism (miterfunden); Tom Wolfe, Truman Capote (haben da auch irgendwie mitgemischt); Susan Sontag (die andere berühmte Essayistin); kühl (schreiben, beobachten); »ich« sagen (ungeschützt), »Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben« (»ihr berühmtester Satz«); Corvette (Extrapunkt: Modell Stingray); Zigarette (in Fotografien stets exaltiert gehalten); neurotisch (sagt sie selbst, macht sie noch interessanter), Sonnenbrille (Extrapunkt: von Céline).

Dass sämtliche Stationen von Didions Leben, ihre Literatur, ihre Themen und ihr Schreibstil eingerückt werden in die Reihe ihrer ikonischen Posen und Accessoires, dass das »immortal intellectual-and-otherwise dream girl Joan Didion« (Daniel Worden) nur aus Oberflächen zu bestehen scheint, deren kühler, brillanter Glanz beschrieben, an denen aber nie gekratzt wird, mag an den Widersprüchen liegen, die Didions Texte prägen.

Die kühle Distanz ist Didions Mittel, um auf das Ende der Großen Erzählungen, auf den Zusammenbruch von Sinn und Bedeutung zu reagieren, den sie in den späten sechziger und siebziger Jahren in den USA beobachtete.

Drei ihrer wichtigsten Essaybände erscheinen in diesem Jahr bei Ullstein in einer hervorragenden Neuübersetzung der bereits Didion-erprobten Antje Rávik Strubel: »Slouching Towards Bethlehem« (1968) und »The White Album« (1979) kommen im Herbst heraus, der Band »Let me tell you what I mean«, der erst im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde, aber eine Reihe früher Texte enthält, ist unter dem deutschen Titel »Was ich meine« schon zu haben.

Didions Essays entziehen sich einer allzu schnellen Einordnung und machen die Beantwortung der Frage, »was uns die Autorin heute noch zu sagen hat«, recht kompliziert. Zunächst muten ihre Texte ungeheuer gegenwärtig an: Hier schreibt eine Frau, die ihre subjektiven Empfindungen und Erfahrungen absolut setzt, die ein starkes Ich behauptet, die nicht die großen Strukturen beschreibt, sondern die kleinen, oft abseitigen Phänomene, Popkultur und trash, und die gerade dadurch gesellschaftliche Zusammenhänge und Konflikte überaus scharf in den Blick zu nehmen vermag. Didion ist die Materialität der Dinge wichtiger als die »Welt der Ideen«, wie sie in ihrer poetologischen Reflexion »Why I write – Warum ich schreibe« festhielt: »Meine Aufmerksamkeit galt immer der Pe­ripherie, dem, was ich sehen, schmecken und berühren konnte, der Butter und dem Greyhound-Bus.«

Aber was so sehr nach cultural turn aussieht, nach postmodernem Schreiben und Affekttheorie, was als einfühlsame, nichthierarchische Sprechkonstellation anmutet, wie sie heutzutage in den kulturwissenschaftlichen Seminarräumen des Globalen Nordens eingeübt wird, ist bei genauem Hinsehen im Widerstreit gegen die kulturelle Revolution entstanden, aus der diese theoretischen Ansätze, diese politischen Haltungen und Subjektentwürfe entstanden sind und deren Zeitzeugin Didion war. Didions Ich ist radikal unempathisch und antimoralisch. Die kühle Distanz ist ihr Mittel, um auf das Ende der Großen Erzählungen, auf den Zusammenbruch von Sinn und Bedeutung zu reagieren, den sie in den späten sechziger und siebziger Jahren in den USA beobachtete.

Denn davon handeln ihre Essays: vom Brüchigwerden der Sicherheiten der Moderne und den damit einhergehenden Krisen – den ökonomischen, politischen und sozialen Krisen, die sich bei Didion immer auch als Krise des Subjekts darstellen. Von den vermeintlich progressiven Versprechen ihrer Zeit ist sie nicht überzeugt. Besonders der kalifornischen counterculture mit ihrer Rhetorik von Buntheit, Freiheit und Selbstentfaltung und ihrer Forderung nach kreativen, spontanen Subjekten und nivellierten Hierarchien steht sie deutlich reserviert gegenüber.

Das kann man Kulturkritik nennen. Aber die richtet sich irritierenderweise auf genau die Tendenzen, die die Gegenwart prägen – und die nach wie vor gemeinhin als widerständige Kritik an kapitalistischer Vergesellschaftung verstanden werden, nicht als deren Ausdrucksform. Didion tut aber genau das: Sie enthüllt die ideologischen Zusammenhänge zwischen der Herausbildung gemeinschaftlichen Sensibilitätsbegehrens mitsamt seiner Feier von Empathie, Originalität und Verletzlichkeit und der Entstehung neoliberaler Ordnungen.

Einerseits bleibt also Joan Didions Kulturkritik, bleibt das Konservative an ihren Texten nicht zuletzt aufgrund ihres unangenehmen Gegenwartsbezugs gemeinhin unberücksichtigt. Andererseits widerspricht niemand, wenn behauptet wird, Didion habe »die US-amerikanische Gesellschaft mit ihren Reportagen und Essays geprägt« (Taz), indem sie »die psychosoziale Landschaft des amerikanischen Kontinents über Jahrzehnte messerscharf analysiert« (NZZ) und dabei »wie keine andere mit den Mythen der US-Gesellschaft aufgeräumt« (DLF Kultur) habe.

In einer Zeit, in der die Frage nach »Sprechorten«, nach den Ausschlüssen, die Texte produzieren, und nach minoritären Positionen, die sie übertönen oder unhörbar machen, zusehends an Bedeutung gewinnt, ist es einigermaßen überraschend, dass – jedenfalls in der deutschsprachigen Rezeption – kaum je thematisiert wird, um wessen Amerika es sich in Didions Texten eigentlich handelt, wessen Vorstellungswelten, Träume und Mythen an ihrem Ende hier durchaus wehmütig beschworen werden – wessen Werte es also sind, deren Verlust Didion in ihren Texten konstatiert.

Häufig sind das nämlich die des »weißen literarischen Establishments«; darauf hat unlängst die mexikanisch-amerikanische Schriftstellerin und Künstlerin Myriam Gurba in einem klugen Text mit dem Titel »It’s Time to Take California Back from Joan Didion« hingewiesen. Didions Schreiben sei von ihrer »WASPy womanhood« nicht zu trennen – ein Umstand, den Didion selbst kaum bestritten, wenn auch anders formuliert hätte. Doch unter diesem Aspekt (der natürlich mehr ist als nur ein Faktor, der von ihren Texten abgezogen oder aus ihnen herausgerechnet werden könnte) ist Didions Schreiben bislang kaum betrachtet worden, und so einiges dürfte deshalb unklar und unaufgeklärt geblieben sein.

Man sollte Didions Essays also (wieder) lesen. Nicht nur, weil sie einfach großartig sind, atemberaubend, originell, poetisch und witzig, voll von »Bildern, die an den Rändern schimmern«. Sondern auch, weil sie vieles über die Sechziger und Siebziger erzählen, über eine Zeit also, die der heutigen so verwandt ist und sie in vielerlei Hinsicht vorbereitet hat. Didion kann als Chronistin jener damals sichtbar werdenden »Diskontinuitäten, die unsere Gegenwart geformt haben« (Philipp Sarasin) verstanden werden. Und was wir in den Texten dieser zum Dreamgirl monumentalisierten Autorin lesen und überlesen wollen, verrät viel darüber, welche Geschichte wir dieser unserer Gegenwart gerade verpassen wollen.

Joan Didion: Was ich meine. Aus dem amerikanischen Englisch von Antje Rávik ­Strubel. Ullstein-Verlag, Berlin 2022, 176 Seiten, 18,99 Euro

Die Essaybände »Das weiße Album« und »Slouching Towards Bethlehem« erscheinen am 1. September im selben Verlag.