An der Seite Frantz Fanons arbeitete die 1936 in Algier geborene Alice Cherki an der Reform der Psychiatrie in Algerien. Die Tochter sephardischer Juden beteiligte sich aktiv am Unabhängigkeitskampf. Als Psychoanalytikerin mit eigener Praxis in Paris beschäftigt sie sich mit den Traumata von Krieg, Kolonialismus, Antisemitismus und Rassismus. Ein Gespräch über die Wunden der Diskriminierung, einen Tango mit Derrida und den tragischen Irrtum der Linksidentitären.
Zur Hochzeit der antiimperialistischen Begeisterung für Frantz Fanon Anfang der siebziger Jahre kritisierte der französisch-tunesische Schriftsteller Albert Memmi dessen universalistischen Antikolonialismus. Dazu veranlasst hatten Memmi unter anderem die Erfahrung der Shoah und des zeitgenössischen Antisemitismus im postkolonialen Tunesien.
Im kommenden Jahr wäre der antikoloniale Theoretiker Frantz Fanon hundert Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass erscheint die von seiner Weggefährtin Alice Cherki verfasste Biographie in einer Neuauflage mit einem Vorwort von Natasha A. Kelly und Zaphena Kelly. Die Debatte über die Rolle revolutionärer Gewalt bleibt darin unberücksichtigt.
Wie Judith Butler, seine berühmtere Kollegin an der kalifornischen Universität Berkeley, ist der dort lehrende Soziologe Ramón Grosfoguel der Ansicht, Israel habe sich den Angriff der Hamas selbst zuzuschreiben. Aber in seiner Solidarität mit den Feinden des jüdischen Staates geht er noch sehr viel weiter als Butler. Mit der Hinwendung zu islamistischen Positionen verrät die dekolonialistische Theorie auch den eigenen Anspruch auf Befreiung.