Im Film »La Vérité« brilliert Catherine Deneuve als gealterte Diva

Wahre Jugend

Hirokazu Koreedas neuer Film »La Vérité« mit Catherine Deneuve ist nicht nur eine Hommage an das französische Kino und seinen größten Star, sondern auch eine Reflexion über die Wahrnehmung von Zeit und Altern.

Mit Lichtgeschwindigkeit fliegen im Kinosaal Bilder einer alternden Schauspielerin auf die Leinwand – 24 Bilder pro Sekunde. Der franzö­sische Filmemacher Jean-Luc Godard sagte einmal: »Film ist 24mal Wahrheit pro Sekunde.« Um Wahrheit geht es auch in Hirokazu Koreedas neuem Film »La Vérité«, einer poetischen Reflektion über das Alter, die Zeit und das Kino.

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Gerade das fiktionale Œeuvre des japanischen Regisseurs beleuchtet Familienbeziehungen und bringt dabei immer neue Facetten dieses ­Sujets zum Funkeln. In seinem Film »Shoplifters« von 2018 geht es um die Pluralisierung familialer Lebensformen am Beispiel einer liebenwerten Gruppe von Dieben. Dieses Mal fragt Koreeda danach, wie die gemeinsam erlebte Zeit einer Familie erzählt werden kann, wenn Erinnerung subjektiv ist, Verdrängen die Negation des Erinnerns und Erzählen ein kreativer Prozess ist, der immer in zeitliches Geschehen eingreift.

Neue Filmgesichter werden von Fabienne mit Argwohn betrachtet, selbst tote Filmstars werden beneidet.

Mit »La Vérité« betritt der Japaner zum ersten Mal die Gefilde des europäischen Kinos, im Speziellen des französischen, dem sein Interesse vorrangig gilt. Dort hatte er die großartige Möglichkeit, im Ausleben von Frankophilie und Cinephilie auch seine Verehrung für Catherine Deneuve mit »La Vérité« auszudrücken. Unter Koreedas Regie fügt sich um die Deneuve alles wie zu einer seltenen interstellaren Konstellation. In ihrer Rolle als gealterte Actrice und Mutter hält Catherine Deneuve ­zwischen Juliette Binoche und Ethan Hawke mit ihrer Anziehungskraft Ensemble und Handlung zusammen. Das Spiel der Diva wirft seinen Glanz auf alle anderen, und die Geschichte ist voll mit Anspielungen auf ihr Leben.

Nachdem die Schauspielerin Fabienne Dangeville (Deneuve) ihre ­Memoiren unter dem Titel »La Vérité« veröffentlicht hat, kommt es beim Besuch ihrer Tochter Lumir (Binoche), einer Drehbuchautorin, zu Reibe­reien. Die Autobiographie der Filmdiva ist voller Lügen über ihre mütterliche Fürsorge. Als Schauspielerin hat Fabienne ein besonderes Verhältnis zur Wahrheit. Alte Wunden brechen auf, ein persönlicher As­sistent macht sich kurzerhand aus dem Staub, und plötzlich muss Lumir widerwillig ihrer Mutter Fabienne bei ihrem letzten Filmdreh zur Seite stehen. Die Arbeit am Set eines Science-Fiction-Films birgt dann jedoch neue Perspektiven für die Mutter-Tochter-Beziehung.

Das Gravitätische an der von Deneuve verkörperten Figur wird bereits deutlich, wenn aus dem Dickicht des Gartens Tochter Lumir mit ihrer Familie ins mütterliche Haus stürmt. Fabienne, die Matrone, sitzt meist, sie ruht im Zentrum des Geschehens, während sich alles um sie herum den Gefühlslagen entsprechend bewegt und sich um sie dreht. Im Orbit der Mutter ist und war jedoch nie viel Platz für andere. Für ihre Karriere war die Tochter eher ein Hindernis und auch der Ehemann nur Ballast auf dem Weg zum Ruhm. Lumir ist mit ihrer kleinen Familie angereist, um sich in Gegenwart der Mutter zu behaupten. Doch wie viele, die ihre Mütter besuchen, vollzieht Lumir eine psychologische Zeitreise und ist sofort wieder Kind – in den Augen der Mutter ohnehin, aber auch, weil in Lumir unerwiderte Gefühle aufwallen und altes familiäres Begehren wieder erwacht, das beim Aufwachsen im Schatten der berühmten Mutter unerfüllt blieb.

Für ein Kind kann sich das Aufwachsen im Abseits wie eine Ewigkeit anfühlen, wenn es zum Zusehen verurteilt ist, während für die Mutter im Rampenlicht alles rauschhaft vorüberziehen kann. Kein Wunder, dass Lumir zum Drehbuchschreiben gefunden hat. Einerseits befindet sie sich hier auf dem mütterlichen Terrain des Films, anderseits kann sie sich beim Schreiben den nötigen Handlungsspielraum schaffen.

Für sein europäisches Produktionsdebüt hat sich Koreeda als Meister des Zwischenmenschlichen der Möglichkeiten des Kinos bedient, um ­elliptisch und allegorisch über Altern, Zeit und Erinnern zu erzählen. Da ist oft von einem Zauber die Rede, für den gerade die Enkelin der großen Fabienne anfällig ist. Hat die Oma, die einst eine Hexe in einem Film spiel­te, wirklich den Opa in eine Schildkröte verwandelt? So wird plötzlich eine durchs Unterholz schleichende Schildkröte zum Symbol einer früheren Schuld, die, nur langsam alternd, aus Fabiennes Lebenswelt, der Villa, verbannt wurde. Das lange Schildkrötenleben ist ein Beispiel für die Relativität von Zeit, und wie ­Koreeda sie nutzt, um seinen Mutter-Tochter-Konflikt in eine universelle Reflektion über Erinnern und Endlichkeit zu verwandeln.

Nur das Kino kann eine Geschichte wie »La Vérité« erzählen. Koreeda vergleicht die Filmkunst mit einem Raumschiff, das mit Lichtgeschwindigkeit durch das All jagt und seine Passagiere nicht altern lässt. In ihrer letzten Rolle spielt Fabienne eine alternde Tochter, deren Mutter als Astronautin ewig jung bleibt. Was in der Physik als Zeitdilatation und Zwillingsparadoxon bekannt ist, überträgt Koreeda ins Poetische.

Damit liefert er auch seinen Erklärungsversuch für die Anziehungskraft, die das Kinos und der Film nicht nur auf seine Protagonistin ausüben. Kino und Film sind gleichermaßen Jungbrunnen und Konserven der Schönheit: Die Zeitlupe ist für den Vergleich mit dem Ausflug ins All wohl am erhellendsten. Je mehr Bilder eine Kamera pro Sekunde macht, desto langsamer bewegt sich ein Körper im Film, desto langsamer altert der Körper im Film. Aufgenommen mit zwei Millionen ­Bildern pro Sekunde könnte man einen Augenaufschlag auf einen Tag ausdehnen. So gleichen die Zeitlupe im Besonderen, aber auch der Film im Allgemeinen einer Raumkapsel, die auf ewig das Wahre und das Schöne in sich trägt.

Koreedas Fabienne ist auch aus diesem Grund vom Film angezogen. Die Beziehung zu Mann und Tochter hat sie gegen das filmische Versprechen ewiger Jugend und wahrhaftiger Darstellung ihrer selbst eingetauscht. Dass Koreeda für »La Vérité« Catherine Deneuve gewinnen konnte, macht aus diesem Familienporträt auch eine Verbeugung vor der Grande Dame des französischen Films, die einst als pathologisch von Männern angewidertes Mädchen in Roman Polanskis »Repulsion« (1965) brillierte und als »Belle de Jour« (1967) das Objekt der sadomasochistischen Maitressenträume Luis Buñuels war. Kaum eine andere verkörperte die eitle Nonchalance des damals jungen Autorenkinos besser als Deneuve mit ihrer lasziven Unschuld. Mit ­Deneuve gerät »La Vérité« auch zu einer ironischen Erzählung über die einnehmende Eitelkeit einer Diva und Muse, die mitlerweile das ­alternde Gesicht der Zeitmaschine Film in Frankreich ist.

Neue Filmgesichter werden von Fabienne mit Argwohn betrachtet, selbst tote Filmstars werden beneidet. Frei von allen Makeln des Alters, den Lastern der Altersexzentrik, werden früh verstorbene Stars in der Blüte ihrer Jugend erinnert. Ihr Altern wird auf ewig im Konjunktiv aus­gedrückt: »Heute wäre … « Fabienne jedoch ist alt. Und mittlerweile ist auch der Film, der so viele Jahre Realitätsflucht und kunstvolle Verjüngungskur war, nur mehr objektiver Beweis dafür, dass Zeit verrinnt. ­Catherine Deneuve ist sich dieser Realität gewahr und verleiht ihrer ­Fabienne Würde und Grazie beim Verinnerlichen dieser und vieler an­derer Einsichten.

Am Ende kommt einem Oscar Wildes Erkenntnis über das Alter in den Sinn: »Die Tragödie des Alters ist nicht, dass man alt ist, sondern dass man jung bleibt.« Je mehr Bilder ein Film in einer Sekunde zeigte, desto näher würde der Film uns der ewigen Jugend im kinematografischen Raum entgegebenbringen. Das Dehnen von Zeit ist eine Zauberei, die nur der Film vermag. Seiner Magie erliegt jeder, der mit dem Kino in Berührung kommt.

La Vérité (Frankreich 2019). Regie und Buch: Hirokazu Koreeda. Darsteller: ­Catherine Deneuve, Juliette ­Binoche, Ethan Hawke. Filmstart: 5. März