In dem vor 75 Jahren befreiten KZ Mauthausen starben auch viele spanische Republikaner

Rote Spanier, blaue Dreiecke

Vor 75 Jahren wurde das KZ Mauthausen befreit. Das Gedenken und Erinnern an die über 10 000 spanischen Republikanerinnen und Republikaner, die in deutschen Konzentrationslagern ums Leben kamen, verlagerte sich wegen der Pandemie in den virtuellen Raum. Das postfaschistische Spanien erkennt die Opfer nur langsam an.
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Nach der im Herbst 1938 von den Streitkräften der Republik verlorenen Schlacht am Ebro zeichnete sich im Spanischen Bürgerkrieg der Sieg der Faschisten ab. Hunderttausende flüchteten in Richtung des benachbarten Frankreich, das bis zum 5. Februar 1939 seine Grenze geschlossen hielt. Das »Movimiento nacional« des späteren Diktators Francisco Franco machte mit republikanischen, kommunistischen und anarchistischen Kämpfern und Politikern, aber auch vielen Zivilisten gleich welchen Geschlechts kurzen Prozess, Massenerschießungen waren an der Tagesordnung. Über 110 000 namentlich bekannte Opfer wurden in Massengräbern verscharrt. In den Häfen eingekesselter Städte der Republik wie Valencia und Alicante warteten Tausende auf die Rettung und die letzten Schiffe, die meist Richtung Algerien ablegten. In ihrer Verzweiflung sahen oft ganze Familien den Suizid als einzigen Ausweg.

Im Mauthausen-Außenlager Gusen war die Todesrate im Jahr 1941 enorm hoch, von 5 000 Spaniern überlebten 3 000 das erste Jahr der Internierung nicht.

Über 300 000 geschlagenen republikanischen Soldatinnen und Soldaten gelang die Flucht. Etwa 100 000 kämpften weiter – nun gegen die Nazis, sei es im Widerstand oder auf Seiten der Westalliierten wie »La Nueve« (Jungle World 17/2020); manche auch in der Roten Armee. Viele schlossen sich in Frankreich nach der Freilassung aus Flüchtlingslagern der französischen Armee oder der Fremdenlegion an, andere wurden Arbeitskompanien zugeteilt, die Verteidigungsanlagen errichteten.

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Mit der deutschen Invasion 1940, der raschen Niederlage Frankreichs und der Errichtung des Vichy-Regimes gerieten die in der NS-Diktion als »bolschewistische Rotspanier« Gebrandmarkten ins Visier von Gestapo und SS. Wer ­gefasst wurde, galt als »Feind des deutschen Volkes« und wurde in deutsche Konzentrationslager deportiert. Die überwiegende Mehrheit von ihnen, über 7 500 von 10 000 bis 11 000, kam ins oberösterreichische KZ Mauthausen. Jeweils mehr als 600 kamen nach ­Buchenwald, Dachau, Sachsenhausen, etwa 300 spanische Frauen nach Ravensbrück. Etwa 5 500 Exilspanier wurden ermordet oder in Steinbrüchen und der Rüstungsindustrie zu Tode geschunden. Im Mauthausen-Außenlager Gusen war die Todesrate im Jahr 1941 enorm, von 5 000 Spaniern – für die es ein blaues Dreieck mit einem »S« als Kennzeichnung auf der KZ-Uniform gab – überlebten 3 000 das erste Jahr der ­Internierung nicht.

»Mauthausen ist kein Museum, kein Interpretationszentrum und ganz sicher kein Vergnügungspark, es ist ein Ort des Gedenkens«, sagt Enric Garriga im Gespräch mit der Jungle World. Er ist Präsident des »Freundschaftsverbands der Überlebenden von Mauthausen und anderer Konzentrationslager« (Amical de Mauthausen) mit Sitz in Barcelona. Der Verein wurde 1962 im antifaschistischen Untergrund von KZ-Überlebenden gegründet und erst 1978 nach der Transición, der Übergangsphase vom Franquismus zu einer parlamentarischen Monarchie, legalisiert. Garrigas Vater, Marcel-lí Garriga Cristià (1916–2009), Hauptmann der republikanischen ­Armee, überlebte das KZ Buchenwald.

»Der Schwur der KZ-Überlebenden ist bis heute präsent und hochaktuell«, sagt Enric Garriga. Der Kampf für die Erinnerung an die Ermordeten und für die Auslöschung des Faschismus mit seinen Wurzeln dauere an – gerade in einer Zeit, in der rechtsextremes Gedankengut erneut die Gesellschaften durchdringe. Garriga erinnert daran, dass es in Spanien nach der Diktatur keinen Bruch gegeben habe: »Den Bürgerkrieg haben die Faschisten gewonnen, und deren Nachkommen besetzen bis heute gewichtige politische Posten.« Aber auch Regierungen der Linken hätten in puncto Aufarbeitung und Erinnerung nur wenig getan, so Garriga.

2019 wurde ein Denkmal für die Deportierten, ein Monolith in Madrid, eingeweiht. Am 5. Mai, dem »Tag der Befreiung Mauthausens«, erinnerte man in Spanien an die Opfer des Nazismus. Mittlerweile gibt es auch in Spanien sogenannte Stolpersteine. »Das geschah und geschieht spät und ist wenig, aber immerhin«, sagt Garriga. »Spaniens Republikaner gingen aus den zwei Kriegen als Verlierer hervor, obwohl sie den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben. Nur wenige kehrten je in die Heimat zurück.« In Spanien drohten ihnen zumindest bis zu den Amnestiegesetzen der späten sechziger Jahre Repressalien, Haft, Zwangsarbeit oder gar die Todesstrafe.

»Auch viele der Frauen, die für die ­Republik kämpften, schlossen sich der Résistance in Frankreich an«, sagt ­Jordi Font, Präsident des katalanischen Memorial Democràtic, der Jungle World: »Sie leisteten Enormes, sei es bei der Logistik, der Kommunikation, dem Schutz und für die Flucht Verfolgter, aber auch mit der Waffe in der Hand.« Neus Català (1915–2019), Conchita Granger (1925–2019) und Generosa Cortina (1910–1987) stammten aus Tarragona beziehungsweise den katalanischen Pyrenäen und überlebten das KZ Ravensbrück. »Wir rekonstruieren die Biographien vieler spanischer und katalanischer Antifaschistinnen«, so Font. Das sei oft schwierig, da viele als Französinnen deportiert wurden, teils auch die französische Staatsbürgerschaft bereits angenommen hatten. Memorial Democràtic präsentierte auf seiner Website am 5. Mai zusammen mit dem Amical de Mauthausen und der Universität Pompeu Fabra in Barcelona die bisher größte Erhebung über die Deportierten aus Spanien, mit Suchfunktion und qualitativen Daten, die die Biographien nachvollziehbar machen. Derzeit gebe es 9 161 Einträge, berichtet Font, etwa 200 sollen noch folgen, unter anderem zu deportierten sephardischen Juden. Die Liste sei noch lange nicht vollständig.

Mit einem bislang wenig beachteten Thema beschäftigt sich zurzeit der Historiker Antonio Muñoz Sánchez von der Universität Rovira i Virgili in Tarragona. Er untersucht das Schicksal der etwa 40 000 Spanier, die für die Nazis unter anderem Verteidigungsanlagen wie den sogenannten Atlantikwall errichten mussten. »Diese ›Rotspanier‹ waren als Antifaschisten für die Nazis ein ideologischer Feind und als erfahrene Soldaten dazu noch ein potentielles Sicherheitsproblem im besetzten Frankreich«, sagte Muñoz der Jungle World. Deswegen seien sie zuerst in KZ deportiert, nach 1941 aber wegen des akuten Arbeitskräftemangels massenhaft zur französischen Atlantikküste in Arbeitslager der »Organisation Todt« gebracht worden. »Ende der sechziger Jahre haben es diese ›Rotspanier‹ nach langem juristischen Kampf geschafft, von der BRD offiziell als politisch Verfolgte des Nazismus anerkannt zu werden und wurden dafür entschädigt«, so Muñoz. Trotzdem seien sie in Deutschland, Frankreich und Spanien bis in die heutige Zeit fast völlig vergessen. Mit einer dreisprachigen Wanderausstellung »Rotspanier« wollen Muñoz und der deutsche Historiker ­Peter Gaida das ändern.

Späte Gerechtigkeit ermöglichte unter anderem ein Katalane, der das KZ Mauthausen überlebt hatte. Der Fotograf Francesc Boix i Campo (1920–1951), der im Lager unter anderem dokumentarische Fotos anfertigte. Boix’ Fotos und Aussagen waren wesentliche belastende Beweise bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen und beim Mauthausen-Hauptprozess am US-amerikanischen Militärgericht in Dachau 1946. Wie viele KZ-Überlebende war er gesundheitlich schwer angeschlagen und starb 1951 in Paris. 1977 nutzte die Journalistin Montserrat Roig i Fransitorra Boix’ Bilder in ihrem Buch »Els catalans als camps nazis« (Die Katalanen in den Nazilagern). 2018 wurde Boix’ ­Leben verfilmt. Sein Nachlass umfasste unter anderem rund 2 000 Negative, die das Historische Museum Kataloniens in Barcelona größtenteils digitalisiert hat.