Großbritannien hat mit ­Impfungen gegen Sars-CoV-2 begonnen

Impfstoff rein, Austern raus

Am Dienstag wurde in Großbritannien die erste Impfung gegen ­Sars-­CoV-­2 vorgenommen. Die Verteilung des Impfstoffs könnte aber bald wegen des EU-Austritts des Vereinigten Königreichs stocken.

Auch in Zeiten einer Pandemie braucht das Vereinigte Königreich die EU nicht. Das zumindest ist die Botschaft des britischen Premierministers Boris Johnson an die Öffentlichkeit. In den vergangenen Wochen und Monaten haben er und sein Team zwar fieberhaft mit der EU über ein Handelsabkommen verhandelt. Aber ein »No-deal Brexit« war aus seiner Sicht nie etwas, das um jeden Preis vermieden werden müsse. Johnsons Pressesprecherin Allegra Stratton sagte am Mittwoch voriger Woche, der Premierminister sei optimistisch, die Verhandlungen zum Erfolg führen zu können. Es sei aber auch »ohne ein Abkommen okay«.

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Bis Redaktionsschluss hat Johnson in den Verhandlungen mit der EU nicht nachgegeben. Insbesondere die Regelungen für die Fischerei sind umstritten. Es besteht Uneinigkeit darüber, wie viele der Fische, die europäische Fischer in britischen Gewässern fangen, an Großbritannien abgegeben werden müssen. Für französische Fischer würde eine Abgabe einen erheblichen Verlust bedeuten, denn derzeit fischen sie zum Beispiel einen Großteil ihres Kabeljaus im britischen Teil des Ärmelkanals.

Auch wenn es keinen »No-deal Brexit« geben sollte, dürfte der Warenverkehr mit Großbritannien nach dem 31. Dezember alles
andere als gewohnt verlaufen.

Am Montagnachmittag telefonierte Johnson Medienberichten zufolge mehr als eine Stunde mit der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Danach sagten beide in einer gemein­samen Stellungnahme: »Wir sind uns einig, dass die Bedingungen für eine Einigung nicht gegeben sind.« Am Abend desselben Tags teilten die EU-Kommission und die britische Regierung mit, Johnson werde in den kommenden Tagen nach Brüssel reisen, um dort mit von der Leyen zu verhandeln. Diesen Donnerstag beginnt dort der EU-Gipfel der Regierungschefs, auf dem diese einem Handelsabkommen oder andernfalls einem »No-deal Brexit« zustimmen wollen.

Dass das Vereinigte Königreich vor allen anderen europäischen Ländern ­einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 zugelassen hat, stärkt Johnsons Verhandlungsposition. Er erweckt den Eindruck, man sei auch in Zeiten einer Pandemie nicht auf die EU angewiesen. Dem Antrag auf eine Notfallzulassung des Impfstoffs des US-amerikanischen Unternehmens Pfizer und der deutschen Firma Biontech haben die zuständigen Behörden sehr schnell stattgegeben.

Am Dienstagmorgen erhielt eine 90jährige in Coventry die erste Impfung gegen Sars-CoV-2. Großbritannien hat 40 Millionen Dosen des Impfstoffs bestellt, das reicht für 20 Millionen Menschen – etwas weniger als ein Drittel der Bevölkerung. Zunächst sollen über 80jährige, Mitarbeiter und Bewohner von Pflegeheimen sowie besonders gefährdetes medizinisches Personal geimpft werden. Mit den Impfungen erweckt die Regierung zumindest den Anschein, eine Rückkehr zur Normalität stehe bevor.

Ob das über mögliche Konsequenzen des EU-Austritts hinwegtäuschen kann, ist fraglich. Auch wenn noch ein Abkommen zustande kommen sollte, dürfte der Warenverkehr nach dem 31. Dezember – dem letzten Tag der Übergangsphase nach dem Austritt am 31. Januar – alles andere als gewohnt verlaufen. LKW-Fahrer können sich bereit jetzt darauf einstellen, ab dem 1. Januar stunden- bis tagelang an britischen Häfen Schlange stehen zu müssen. Die Regierung ist vorbereitet: Entlang den Autobahnen an den Häfen will sie bei Staus mobile Toilettenkabinen aufstellen lassen.

Weniger gut sieht es mit der neuen Software zur Abwicklung des Warenverkehrs an der Grenze aus. Einem Bericht des Guardian zufolge ist unklar, ob sie am 1. Januar zur Verfügung stehen wird. LKW-Fahrer werden mit dieser Software Genehmigungen für die Überfahrt beantragen müssen, bei Fehlverhalten haften sie persönlich.

Handelsverbände warnen, frische Waren könnten bei einer langen Wartezeit an den Häfen verfallen. Neben Tiertransporten betrifft das insbesondere Transporte von Fisch, Krusten- und Weichtieren wie Austern. Nahezu alle in britischen Gewässern gefischten Austern werden nach Europa exportiert. Einem Plan der Regierung zufolge sollen sich daher Transporter mit Fisch und Eintagsküken an den Häfen vordrängeln dürfen – wenn sie die dafür nötige Genehmigung haben.

Die Verzögerungen könnten auch den Transport des Impfstoffs betreffen. Medienberichten zufolge will die Regierung ihn notfalls mit Militärflugzeugen einfliegen lassen. Kommt er in Großbritannien an, bleibt seine Verteilung aber eine logistische Herausfor­derung, die unter Johnsons Führung scheitern könnte. Das Management der Pandemie war bisher an kritischen Stellen unzureichend. So entpuppte sich etwa das von Johnson als »weltbestes« bezeichnete System zur Erfassung von Infizierten und zur Kontaktnachverfolgung als wenig erfolgreich. Experten zufolge erfasst es möglicherweise nur ein Viertel aller Infektionen. Im Oktober stellte sich heraus, dass Public Health England, der für England zuständige Teil des öffentlichen Gesundheitssystems NHS, die Ergebnisse von 16 000 Covid-19-Tests verloren hatte. Die Ergebnisse waren in einem veralteten Excel-Dateiformat eingetragen worden statt in einer dafür geeigneten Datenbank.

Der Impfstoff ist schwierig zu lagern und zu verteilen. Er muss er bei minus 70 Grad Celsius gelagert werden, außerdem sind pro Person zwei Impfdosen nötig. Ob der unterfinanzierte NHS nach einer derart kurzen Vorbereitungszeit dieser Aufgabe gewachsen sein wird, wird sich zeigen. Zudem müssen genügend Menschen überzeugt werden, sich impfen zu lassen.

Man solle nicht »dem naiven Glauben verfallen, dass der Kampf vorbei ist«, sagte Johnson am Mittwoch voriger Woche. »Er ist nicht vorbei.«