Der Ufo-Kommunismus der Anhänger des argentinischen Trotzkisten J. Posadas

Galaktischer Kommunismus

J. Posadas führte in den Fünfzigern eine der größten trotzkistischen Bewegungen Lateinamerikas an. Heutzutage erinnert man sich an den Posadismus vor allem als marxistischen Ufo-Kult.

Der Weg der Evolution führt vom Affen zum aufrecht gehenden Menschen. Der Weg des Marxismus führt von ­Hegel über Marx, Trotzki und Posadas zu Außerirdischen. So stellt es ein Meme dar, das auf der Facebook-Seite der Intergalactic Workers’ League – Posadist gepostet wurde. Der Name der Seite spielt auf eine kommunistische Bewegung an, die schon zu Lebzeiten ihres 1981 verstorbenen Anführers J. Posadas einigen Spott erntete.

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Dafür, dass sich linke und insbesondere trotzkistische Organisationen in kleine Gruppen aufspalteten und sektenähnliche Tendenzen entwickelten, gibt es viele Beispiele. Doch so verstiegen und wirr die eigenen Positionen auch waren, man konnte doch immer mit dem Finger auf Posadas zeigen als jemanden, der es noch schlimmer trieb – der glaubte an Ufos!

Posadas meinte, dass Leben auf anderen Planeten existieren könne, auch Ufos außerirdischen Ursprungs seien möglich. Diese Vorstellung sei mit der »dialektischen Geschichts­auffassung« vereinbar.

Der amerikanische Journalist A. M. Gittlitz erzählt die Geschichte der Posadisten in seinem 2020 veröffentlichten Buch »I Want to Believe. Posadism, UFOs and Apocalypse Communism«. Der Mann, der später unter dem ­Namen Posadas bekannt wurde, hieß ursprünglich Homero Cristalli und kam 1912 in Argentinien als Kind armer italienischer Einwanderer zur Welt. Nach einer kurzen Karriere als Fußballer wurde er Schuhmacher und engagierte sich bei Gewerkschaften und der Sozialistischen Arbeiterpartei. Er machte sich einen Namen als charismatischer Aktivist, der zwar intellektuell wenig beizutragen hatte, aber unermüdlich Pamphlete verteilte und ­einen guten Draht zu anderen Arbeitern hatte.

Die Trotzkisten der kleinen Inter­nationalen Kommunistischen Liga sahen 1936 in Cristalli ihre Chance, den Sprung aus den Kaffeehäusern von Buenos Aires in die Fabrikhallen zu schaffen. Sie luden ihn ein, und obwohl er auf ihre Fragen – was dachte er über die Kommunistische Partei Argentiniens, was über Trotzkis Kritik an der POUM (Partido Obrero de Unificación Marxista), die im Spanischen Bürgerkrieg an der Seite der Anarchisten kämpfte? – keine Antworten wusste und sich gedemütigt fühlte, nahmen sie ihn auf. Er erwies sich bald als geschickter Organisator und wurde nach Córdoba im Inland Argentiniens geschickt, um die dortigen Schuhmacher zu organisieren.

Neun Jahre später spielte Cristalli eine zentrale Rolle bei der argentinischen »Gruppe der Vierten Internationale«. In deren Zeitung Voz Proletaria (Proletarische Stimme) erschienen zahlreiche Artikel unter dem Pseudonym J. Posadas, die meist jedoch von seinen ­Genossen verfasst worden waren. 1951 wurde Cristalli gemeinsam mit Alberto Sendic Sekretär des Buró Latinoamericano (BLA), der lateinamerikanischen Sektion der Vierten Internationale, die sich zwei Jahre später zum ersten Mal spalten sollte.

In den Nachkriegsjahren verbreiteten sich unter dem Eindruck der Atombombenabwürfe apokalyptische Vorstellungen insbesondere in trotzkistischen Kreisen, denn diese sahen weder in den USA noch der Sowjetunion eine Macht des Fortschritts. Vielen schien ein dritter Weltkrieg unvermeidlich. Nach dieser »letzten Abrechnung«, wenn sich die Weltmächte gegenseitig ausgelöscht hätten, wäre die Bourgeoisie endlich zu schwach, den Arbeitern zu widerstehen, und der Kommunismus könne erreicht werden, glaubten einige Trotzkisten.

Hinzu kam bei einigen die Faszination für Ufos. 1947 hatte ein US-amerikanischer Pilot namens Kenneth Arnold am Himmel Objekte gesehen, die er als »tellerähnlich« beschrieb. Auch die argentinische Tageszeitung La Razón berichtete über die »fliegenden Untertassen«. In Argentinien häuften sich daraufhin Ufo-Sichtungen: In Córdoba wurden »rote Scheiben« und über Balcarce in der Provinz Buenos Aires »leuchtende Ringe« gesichtet.

Posadas’ Genosse Dante Minazzoli war überzeugt, dass es sich dabei um Raumschiffe handeln müsse. Er war seit jungen Jahren ein enthusiastischer ­Leser von Science-Fiction-Literatur und hatte sich ausgiebig mit den Schriften der russischen Kosmisten befasst. Diese vom Weltraum faszinierte künstlerisch-wissenschaftliche Bewegung aus dem frühen 20. Jahrhundert hatte verschiedene, auch christlich und spirituell ausgeprägte Zweige entwickelt, doch einer ragte weit in die russische Arbeiterbewegung und die bolschewistische Partei hinein. Ende der zwanziger Jahre beendete das stalinistische Regime die avantgardistischen und künstlerischen Aktivitäten der Kosmisten. Die Beschäftigung mit dem Weltall war in der sozialistischen Bewegung also nicht immer eine so randständige Erscheinung, wie der obskure Ruf, der den Posadisten später anhaftete, vermuten lassen könnte. Doch wehte auch in der kommunistischen Linken bereits ein anderer Geist und Minazzoli wurde 1947 von seinen Genossen abgewiesen, als er mit ihnen über Ufos sprechen wollte.

In den fünfziger Jahren erreichte der BLA unter Posadas den Zenit seiner Macht. Mitglieder lokaler Sektionen kämpften in Guatemala gegen den von den USA gestützten Putsch und in Kuba an der Seite Fidel Castros. 1963 spaltete sich die Vierte Internationale erneut; in diesem komplizierten und unübersichtlichen Prozess war auch der BLA unter Posadas involviert, er hatte die Vormachtstellung vor den europäischen Gruppen angestrebt. Von nun an war die von Posadas geführte lateinamerikanische Sektion eigenständig.

Doch in der globalen Protestwelle um das Jahr 1968 nahm die Bedeutung der verschiedenen Gruppierungen, die sich in der Tradition der Vierten Internationale sahen, stetig ab. Die strengen Marxisten-Leninisten passten nicht zu den rebellierenden Studenten. Auch die Repression durch die Vielzahl an Diktaturen in Lateinamerika setzte ihnen zu. Nachdem Posadas und sein enger Kreis 1968 in Uruguay verhaftet worden waren, retteten ihn nur Kontakte zur Kommunistischen Partei Italiens: Als Kinder italienischer Einwanderer hatten Posadas und andere Anrecht auf die italienische Staatsbürgerschaft, die Partei organisiert die Reise.

In jene Zeit fällt die Debatte, die den Ruf der Posadisten bis heute prägt. Mitte der Sechziger sah Minazzoli in einer Diskussion über das Verhältnis von Naturwissenschaft und Sozialismus seine Chance gekommen. Er argumentierte, der Glaube, der Mensch sei allein im Universum, diene der bürgerlichen Ideologie von der objektiven Richtigkeit der Herrschaft des Kapitals. Der popu­läre Ufo-Glaube müsse daher als Impuls für eine sozialistische Bewegung aufgegriffen werden.

Posadas sah sich veranlasst, beim Weltkongress der posadistischen Vierten Internationale von 1967 das Thema aufzugreifen. Da alle Reden Posadas’ abgetippt und veröffentlicht wurden, entstand jener Text, der fortan die Worte »Posadas« und »Ufos« für immer verknüpfte: »Fliegende Untertassen, der Prozess der Materie und der Energie, die Wissenschaft, der revolutionäre Kampf der Arbeiterklasse und die sozialistische Zukunft der Menschheit«.

Posadas meinte, dass Leben auf anderen Planeten existieren könne, auch Ufos außerirdischen Ursprungs seien möglich. Diese Vorstellung sei mit der »dialektischen Geschichtsauffassung« vereinbar. Außerdem seien Außer­irdische, wenn sie die Erde besuchten, ohne sie zu erobern, offenbar sozial höher entwickelt als die Menschen, die alles neu Entdeckte unterwürfen. »Sie sind gekommen, die Menschen auf der Erde zu studieren? Sollen sie eingreifen und uns helfen, die Probleme der Erde zu lösen!«

In Italien ließ Posadas sich auf einem Anwesen nahe Rom nieder. Diese letzte Phase des Posadismus war geprägt von stets wachsendem Obskurantismus und Autoritarismus. Posadas nötigte seine Anhänger mehr denn je zu ab­solutem Gehorsam und einer asketischen Lebensweise. Ab 1973 drängte er nach und nach seine alten Mitstreiter aus der Gruppe. Fortan umgab sich Posadas ausschließlich mit jungen Anhängern und sinnierte über die Ähnlichkeit von Menschen und Delphinen. Er starb 1981.

Zur aus der Gruppe gedrängten alten Garde gehörte auch Dante Minazzoli. Er widmete sich weiter dem Thema Ufos. 1982 schrieb er auf Italienisch ein Pamphlet über die Frage: »Warum nehmen Außerirdische nicht öffentlich Kontakt auf?« Minazzoli war sich sicher, dass Außerirdische die Erde besucht hatten, war aber der Auffassung, sie würden nun auf Abstand bleiben, um auf den richtigen Moment zu warten. Die Erde müsse erst bereit sein, um »Mitglied der Intergalaktischen Gemeinschaft« zu werden. Minazzoli suchte den Kontakt zur Ufologie-Szene. Er wollte sie radikalisieren und den rechtslibertären Einschlag, der ihr bis heute eignet, austreiben. Doch niemand schien sich für den alternden Marxisten aus Argentinien zu interessieren. Er starb 1996 in Marseille.

Bis heute gibt es organisierte posadistische Gruppen, doch ihre Aktivitäten sind entweder klandestin oder so unbedeutend, dass sie kaum recherchierbare Spuren hinterlassen. Was bleibt, sind die ab Mitte der zehner Jahre im Internet auftauchenden Memes und halbironische Phänomene wie der posadistische caucus innerhalb der ­Democratic Socialists of America (DSA) in den USA.