Kant und Marx waren keine ­Rassisten

Der böse alte weiße Mann

Ein paar spöttische Bemerkungen sollen als Beleg dafür dienen, dass Karl Marx ein Rassist und Antisemit gewesen sei. Im Fall Immanuel Kants steht ein entsprechendes Urteil der Öffentlichkeit sogar schon fest. Eine Verteidigung zweier Aufklärer vor dem Furor der Ahnungslosen.

Deutschland sucht den Superrassisten: Es begann in den Seminaren der Postcolonial Studies, wo die Pauschalverurteilung von Autoren die Lektüre ihrer Texte ersetzt hat. Inzwischen beteiligt sich daran auch die mediale Öffentlichkeit, die den Furor der Ahnungslosen gepaart mit dem Willen zur Rufschädigung zum Geschäftskonzept macht.

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So etwa im Fall des Aufklärers Immanuel Kant. Sich besonders kritisch dünkende Studenten der Berliner Humboldt-Universität wussten sich im Februar 2014 gegen dessen Schriften nicht anders zu erwehren als dadurch, eine Vorlesung mit unaufhörlichem Klatschen zu stören, bis die entnervten Kommilitonen die Polizei riefen. Spätestens seit dieser Episode wird Kant auch in den Medien als Rassist gehandelt. So manche seiner psychogeographischen Spekulationen im Geiste Jean-Baptiste de Lamarcks, eines Vordenkers der Evolutionsbiologie, nehmen sich heute zwar ausgesprochen unzeitgemäß aus, doch war Kant ein entschiedener Gegner der Hierarchisierung vermeintlicher Menschenrassen. Die Kolonisierung beispielsweise Indiens durch das britische Empire kritisierte er mit scharfen Worten, sie war unvereinbar mit seiner Idee eines Weltbürgerrechts. Nebenher sagte Kant Vorurteil und Aberglauben den Kampf an, auch die Herrschaft des Adels sah im Lichte seiner Gedanken doch arg schal und beseitigenswert aus.

Doch nach neuester Lehre ist schon Rassist, wer Wörter gebraucht, die zwar eine solche Gesinnung anzeigen können, jedoch nicht müssen. Das Verwischen des kategorischen Unterschieds zwischen Aufklärung und Gegenaufklärung setzt alles gleichermaßen dem Vorwurf des allgemeinen Vorurteils aus. Folglich ist alle Theorie nicht grau, sondern »weiß und männlich« und deswegen »böse«. Mit der infamen Lust des Anklägers werden schmutzige Details zusammengetragen. Aus dem Zusammenhang gerissene Textstellen dienen als Pseudoindizien in einem solchen Prozess. Die Denunziation ersetzt das Denken.

Vom Rassismus hat man keinen Begriff mehr, weil ein solcher durch die Praxis der Anklage und die Rechtfertigung derselben aus der »Sprecherposition« heraus ersetzt ist. Auch das kommt einer Öffentlichkeit gelegen, die gesellschaftliche Missstände und geistige Dumpfheit mit Hashtags bekämpfen will, über deren Ursachen in der herrschenden sozialen Ordnung aber kaum ein Wort verliert.

Vom Rassismus hat man aber keinen Begriff mehr, weil ein solcher durch die Praxis der Anklage und die Rechtfertigung derselben aus der »Sprecherposition« heraus ersetzt ist. Auch das kommt einer Öffentlichkeit gelegen, die gesellschaftliche Missstände und geistige Dumpfheit mit Hashtags bekämpfen will, über deren Ursachen in der herrschenden sozialen Ordnung aber kaum ein Wort verliert. Die vermeintlichen Enthüllungen beschränken sich nicht auf Kant und Hegel, auch Marx wird dieser Tage als antisemitischer Rassist dargestellt. Das ist eine eigenartige Umkehrung der früheren Lehre, nach der er die jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung begründet habe. Der Antikommunismus geht mit der Zeit und zeigt sich im neuen Gewand.

Auf der Homepage des Fernsehsenders N-TV, wo man sich offenbar doch nicht ausschließlich für 36teilige Dokus über die Wehrmacht und den »umstrittenen Wüstenfuchs« ­Erwin Rommel interessiert, stellt Wolfram Weimer, der ehemalige Chefredakteur der Welt-und Gründer der Zeitschrift Cicero, nun klar: »Karl Marx war einer der übelsten Rassisten.« Schon in der Überschrift grammatikalisch holprig, legt die Steigerung nahe, dass man sich N-TV-typisch auf Nazi-Niveau bewege. »Karl Marx hasste Juden wie Schwarze in erschreckend expliziter Weise. Er ist in der Kategorie ›Rassist‹ weit vor Bismarck einzuordnen«, erklärt der mutmaßlich durch seine berufliche Laufbahn und entsprechende Kontakte Experten für Rassisten avancierte Weimer. Die deutliche Botschaft lautet, man müsse Marx als einen »der wirkmächtigsten Antisemiten und Rassisten« aus dem öffentlichen Leben verbannen. Um dann noch DDR-Bürgerrechtler Hubertus Knabe als professionelles Opfer jeglichen Kommunismus zu bemühen. Würde diesen Unsinn niemand glauben, könnte man es dabei belassen. Doch blöderweise ist all das die Zuspitzung dessen, was in der postmodernen Kulturlinken seit Jahren kursiert, spätestens seit es Edward Said und Konsorten vorgeplappert haben.

Marx, ein Antisemit und Rassist? Als vermeintliches Indiz für den Antisemitismus müssen meist ein paar spöttische Passagen und bissige Bemerkungen über die jüdische Religion aus Briefen herhalten, vor allem aber die notorisch falsch verstandene Schrift »Zur Judenfrage« (1843). Darin rechnet Marx auf polemische Weise mit seinem Junghegelianerkollegen Bruno Bauer ab, der sich den Universalismus bedauerlicherweise nichts anderes vorstellen konnte denn als Verchristlichung der Welt, der die Juden als Anhänger einer archaischeren Religion entgegenstünden. Mit der Idee eines christlichen Zwangsstaates konnte Marx ­jedoch nichts anfangen, und weniger noch mit den irrigen Vorstellungen über die Juden und das Geld, die Bauer kolportierte. Der bürgerlichen Gesellschaft ist eigen, was den Juden als Vorurteil anhängt, nämlich dass alles dem Geld untersteht. Marx’ Spott über die Waren als »innerlich beschnittene Juden« kann man noch in der Replik auf Bauer und dessen Judenhass verstehen. Dann aber begreift man, dass Marx’ Vorstellung der Emanzipation nicht darauf hinausläuft, dass die Juden aufhören sollen, Juden zu sein, sondern dass der christliche Staat aufhören soll und damit auch die Beschränktheit der bürgerlichen Gesellschaft.

»Die tiefe Heuchelei der bürgerlichen Zivilisation und die von ihr nicht zu trennende Barbarei liegen unverschleiert vor unseren Augen, sobald wir den Blick von ihrer Heimat, in der sie unter respektablen Formen auftreten, nach den Kolonien wenden, wo sie sich in ihrer ganzen Nacktheit zeigen.« Spricht so ein Rassist? Wohl kaum. Der die Geschehnisse in aller Welt genau beobachtende Marx äußert sich hier als Journalist über Indien und die britische ­Kolonialherrschaft. Für diese hat er – anders als für den ­Sepoyaufstand von 1857 – als solche keinerlei Sympathien. Er gesteht ihr aber doch zu, die Bedingungen einer umfassenderen Emanzipation geschaffen zu haben, die sich erst in einer sozialen Revolution und einem unabhängigen Indien realisieren könne. Besonders schätzte er Eisenbahnen und Telegrafen: Mobilität plus Informationsaustausch gleich Internetsozialismus avant la lettre. An eine organische Entwicklung des Kastenwesens zur Freiheit glaubte Marx als Revolutionär keineswegs, und der vorhergehenden Unfreiheit weinte er, auch wenn die Freiheit noch nicht erreicht war, keine Träne nach. Marx machte mittels spekulativer Vernunft die Wette auf eine bessere Zukunft. Dann »wird der menschliche Fortschritt nicht mehr jenem scheußlichen heidnischen Götzen gleichen, der den ­Nektar nur aus den Schädeln Erschlagener trinken wollte«, notierte er. Doch die Verhältnisse, sie waren nicht so.

Als entschiedenen Gegner der Sklaverei weisen Marx seine ­Kommentare zum amerikanischen Sezessionskrieg aus. In dem 1862 verfassten Text »Der amerikanische Bürgerkrieg« widerlegt er zwei Vorurteile der englischen Presse. Erstens, so hieß es in dieser, sei der Krieg nur eine ökonomische Auseinandersetzung, ein »Tarifstreit«, und zweitens habe er nichts mit der Sklavenfrage zu tun. Alles falsch, erwidert Marx. Es gehe ausschließlich um die Sklavenfrage, darum, ob die Sklavenhalter die Union dominieren und die Sklaverei weiter bestehen werde und ob aus der Union eine imperial-koloniale Macht werde – oder eben nicht. Die politische Entmachtung der Plantagenbesitzer in den Südstaaten hielt Marx für eine unabdingbare Etappe im Klassenkampf, den er im »Kapital« mit der Auseinandersetzung der englischen und französischen Arbeiter um den gesetzlichen Normalarbeitstag in Verbindung brachte. Beides richtet sich gegen die gesetzlose Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft und soll die Lage arbeitenden Klasse verbessern.

Dass die politische Entmachtung der Sklavenhalter nicht einer ökonomischen gleichkam – immerhin war die Bourgeoisie im Norden zwar fortschrittlicher, aber dennoch die Bourgeoisie –, wusste Marx, es hinderte ihn nicht an einer deutlichen Parteinahme bis hin zu einem Brief an Abraham Lincoln persönlich. Und auch gegen Südstaatenkitsch wie »Onkel Toms Hütte« polemisierte er schon zu seiner Zeit. Für Marx war die Grundlage des Rassismus ein ökonomisches Verhältnis und seine Bekämpfung Teil des Klassenkampfs weltweit, der keineswegs mit dem Sezessionskrieg enden werde. Als Freiheitskämpfer und Revolutionär scheute er Widersprüche nicht. Er verfocht den politischen Universalismus, den Rassismus und Antisemitismus bekämpfen und verunglimpfen.