Der Kolumnist schützt seinen ahnungslosen Hund vor heimtückischen Grannen

Widerliche Widerhaken

Senat und Bezirke lassen öffentliche Grünflächen in Berlin seltener mähen. Das spart Geld und ist gut für die Insektenvielfalt, doch für Hunde auch gefährlich
Cocolumne Von

Grannen. Ich kannte dieses Wort nicht einmal, bevor Coco in mein Leben trat. Grannen. Wer keinen Hund hat, hat meist noch nie davon gehört. Obwohl sie überall sind! Jedenfalls im Sommer. Sommerzeit ist Grannenzeit. Die Tierarztpraxen sind voll mit Grannen-Patienten. Insbesondere schlappohrige Hunde und langfellige Lockenköpfchen wie Coco sind gefährdet, denn dieses Terrorzeugs mit seinen widerlichen widrigen Widerhaken im Fell des Hundes ausfindig zu machen, ist gar nicht so leicht. Und sind sie erst mal im Fell, dann kletten sie sich dort fest, bohren sich unter die Haut in den Körper hinein und wandern dort herum, wenn man Pech hat, bis in die Organe. Ach so, falls Sie keinen Hund haben, kurze Erklärung: Grannen sind ganz einfach Ähren von Getreide, aber leider auch von Gräsern aller Art. Auf Parkwiesen, Baumscheiben, Verkehrsinseln, Grünflächen – überall ist das Zeugs. Sie sehen es jeden Tag, aber bewusst erst, wenn Sie einen Hund haben. Auch mitten in der Stadt haben wir mit dieser Unbill der Natur zu kämpfen. Seitdem in Berlin Bezirke und Senat die öffentlichen Grünflächen seltener mähen lassen, häufen sich auch die Grannen und die Grannenverletzungen. Nach jedem Spaziergang müssen Sie in dieser Jahreszeit ihren Vierbeiner gründlich untersuchen. An den Pfoten, am Bart rund ums Maul, an der Nase, in der Ohrmuschel, zwischen den Zehen, sogar unter den Augenlidern – überall können sich diese Dinger festsetzen. Werden sie nicht rechtzeitig entfernt, droht eine aufwendige Operation und im schlimmsten Fall sogar der Exitus.

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Einerseits verstehe ich ja, dass Pflanzen evolutionär auf die zugegebenermaßen geniale Idee gekommen sind, sich per Tiertransporter auszubreiten. Andererseits ist mir völlig unklar, welchen Vorteil sie davon haben, in die Lunge eines Tieres zu wandern. Doch sicher wird es eine vernünftige Erklärung dafür geben. So wie dafür, dass der Senat die städtischen Grünflächen seltener mäht. Neben dem Effekt, dass die Stadt so Geld spart, ist dies nämlich auch im Sinne des Naturschutzes. Selteneres Mähen ist gut für die Insektenvielfalt und die wiederum für die Vögel und so weiter, Sie verstehen. Was für die Wildbienen gut ist, ist nur eben leider für fellige Haustiere wie Coco, aber ebenso für fellige Wildtiere schlecht. So ist das immer, es gibt Gewinner und Verlierer.

Es kann also keine politisch perfekte Positionierung ohne Partikularinteresse geben. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann, dass wenig gemäht wird, aber entlang Cocos wichtigsten Gassirunden bitte möglichst oft. Mir ist allerdings bewusst, dass dies keine haltbare Position ist, weder ethisch noch politisch. Würde man Coco fragen, würde sie sagen: Grannen? Was ist denn das? Na ja, sie ist eben auch keine Hundehalterin.