Porträt - Der Leiter der französischen Bahngesellschaft SNCF, Guillaume Pepy

Aus der Bahn

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So etwas nennt man Wortklauberei. Seit die anstehende »Bahnreform« in Frankreich im Januar in ­einem Untersuchungsbericht und im Februar mit einem Kabinettsbeschluss angekündigt wurde, schwören Regierung und Bahndirektion hoch und heilig, es werde keine Privatisierung der französischen Bahngesellschaft SNCF geben. Wie ernst sie es mit diesen Beteuerungen meinen, konnte man vorige Woche erfahren. Am 13. Mai publizierte die Boulevardzeitung Le Parisien das Protokoll einer Unterredung zwischen Managern der SNCF und Vertretern des Pariser Transportministeriums. Daraus geht hervor, dass die Beteiligten sich darüber einig sind, die Dachgesellschaft SNCF, die in naher Zukunft in eine Holding umgewandelt werden soll, nicht zu privatisieren, die einzelnen Firmen, aus der die SNCF sich zusammensetzt, hingegen schon. Diese sind etwa zuständig für den Personen- oder Gütertransport oder Internetbuchungen.

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Seit 2008 ist Guillaume Pepy der Leiter der SNCF. Der hohe Beamte bestimmt auch die derzeitige Strategie des bislang in öffentlichem Besitz befindlichen Unternehmens. Dessen Beschäftigte streiken seit dem 3. April gegen die Reform, wobei die Streikmodalitäten umstritten bleiben. Die Mehrheitsgewerkschaften CGT und CFDT sowie UNSA bevorzugen einen festen Streikmodus, bei dem auf je zwei Streiktage drei Arbeitstage folgen. Die linksalternative Basisgewerkschaft SUD Rail dagegen ist der Auffassung, dies schwäche die Dynamik der Proteste, und fordert einen Arbeitskampf ohne vorherige Befristung. Über seine Fortführung solle alle 24 Stunden an Ort und Stelle abgestimmt werden. In dieser Form verlief etwa der erfolgreiche Bahnstreik 1995. Dieses Jahr gab es bislang 19 Streiktage. Gemessen an dieder hohen Anzahl halten die Beschäftigten erstaunlich gut durch. Eine Million Euro wurden per Solidaritätsaufruf im Internet gesammelt. Seit 1995 hat sich nicht nur die Dynamik, sondern auch die Technologie verändert – damals konnte etwa ein Streik von Bahnbeschäftigten im Stellwerk den Verkehr relativ leicht komplett lahmlegen. Heutzutage braucht es nur zwei Bahnbeschäftigte, um den Betrieb in einem Stellwerk aufrechtzuerhalten. Und einen Pepy, um das Staatsunternehmen zu zerschlagen.