Enttäuschte HSV-Fans haben mit dem HFC Falke einen eigenen Verein gegründet

Normaler Fußballverein statt Aktiengesellschaft

Als der damalige Fußballbundesligist Hamburger SV im Jahr 2014 beschloss, seine Profifußballabteilung in eine Aktiengesellschaft auszulagern, sorgte das bei vielen Fans für Unmut. Einige brachen mit dem HSV und gründeten ihren eigenen Verein, den HFC Falke.

»Büffel«, das ist der Spitzname des Hamburgers Marco Meyer, und als »Büffel« ist er auch in der Fanszene bekannt. Er war Hooligan und Ultra, gehörte zu den Gründern der »Chosen Few« und seit seiner Kindheit schlug sein Herz für den HSV. »Ich war bei Heimspielen, ich war bei Auswärtsspielen, ich war Mitglied des HSV. Aber ich wollte, dass der HSV ein Sport­verein bleibt – der auch eine Profifußballabteilung hat«, sagt er.

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Das sah die Mehrheit der HSV-Mitglieder anders. Ende Mai 2014 beschloss die Mitgliederversammlung des Vereins, die Profifußballer in die »HSV Fußball AG« auszulagern. Der HSV war damals, anders als in der gerade zu Ende gegangenen Saison, dem Abstieg gerade noch entgangen. Knapp 87 Prozent der 9242 stimmberechtigten Mitglieder ­hofften, dass der HSV mit der AG erst wirtschaftlich und dann auch sportlich erfolgreicher würde. »Das hat nicht geklappt«, sagt Meyer, »aber auch wenn der Plan aufgegangen wäre, wäre es nicht mehr mein HSV.« Nach der Abstimmung zogen Meyer und andere Fans in ihre Stammkneipe, die Pandora-Bar in Eimsbüttel. Traurig waren sie, enttäuscht und ­wütend, und es floss entsprechend viel Bier. Sehr viel Bier. Aber zwischen all den Pilsen und Schnäpsen kam auch eine Idee auf: einen eigenen Verein zu gründen, ­einen Fußballverein nach den ­Wünschen der Fans. »Am nächsten ­Morgen ging es fast allen von uns schlecht«, erinnert sich Meyer, »aber die Idee vom eigenen ­Verein war noch da. Also wurde telefoniert.«

Wenige Wochen später war es so weit: Am 19. Juni 2014 wurde der HFC Falke gegründet. Schon der Name und die Vereinsfarben waren eine Hommage an den HSV, der 1919 durch den Zusammenschluss dreier Vereine entstanden war. Der Hamburger FC von 1888 und der FC Falke finden sich im Namen ­wieder, das Trikot erinnert an den SC Germania.

Vieles, was die Fans am HSV störte, wird schon in der Satzung des HFC Falke untersagt: Werbung auf Trikots zum Beispiel oder der Verkauf des Stadionnamens – auch wenn die Falken ein solches noch gar nicht be­sitzen und für Heimspiele das Rudi-Barth-Stadion des SC Union 03 in ­Altona-Nord anmieten. Diese Spielstätte hat genau das Retro-Flair, das bei den Falken hoch im Kurs steht. Liebevoll wird der Platz auf der Vereinswebsite beschrieben: Die »traditionsreiche Anlage« lasse mit ihrem »leicht morbiden, aber dennoch gepflegten Charme das Herz eines ­jeden Fußballromantikers schneller schlagen«. Der etwas tiefer gelegene Rasenplatz werde an allen vier Seiten von zehn Stufen eingefasst, die der kesselartigen Anlage einen ­echten Stadioncharakter verliehen, heißt es. »Und wir sprechen hier nicht von sterilen Betonfertigteilen aus dem Hause Hellmich, sondern über zum Teil schon etwas windschiefe, mit Sand und Granulat verfüllte Oldschool-Stehplätze.«

Als der Verein aus der Kreisliga in die Bezirksliga aufstieg, verfolgten 1 300 Zuschauer die Partie gegen die 2. Mannschaft von Altona 93. Für die 8. Liga war das ein Zuschauerrekord.

Wie wichtig den Falken die Tradition ist, zeigt auch das Motto des Vereins: »Dankbar rückwärts, mutig vorwärts«. Es verweist auf die Herkunft aus dem Kreis der HSV-Fans. Rechtsextreme wollen sie beim HFC Falke nicht sehen; mit ehemaligen Fans von Beitar Jerusalem, die mit den vielen rassistischen Fans ihres alten Clubs nichts mehr zu tun haben wollten, und die mit Beitar Nordia ebenfalls ihren eigenen Verein gegründet haben, sind sie befreundet.

Ein Jahr nach der Gründung star­teten die Falken in der Hamburger Kreisklasse B. »Wir wollten ein ganz normaler Fußballverein sein«, sagt Meyer. »In irgendeiner Theken- oder Alternativliga zu spielen, war für uns nie eine Alternative.« Der Verein, der in der untersten Hamburger Liga antrat, bereitete sich professionell auf seine erste Saison vor. Ein erfahrener Trainer organisierte eine Spielersichtung. Mehrere Tage lang präsentierten sich Dutzende Be­werber. Bei Falke wollten viele dabei sein, aber nur wer spielerisch gut war und in die Mannschaft passte, bekam eine Chance. Viele Kicker, die bereits in der Oberliga gespielt hatten, schlossen sich den Falken an.

Und so begann der junge Verein mit einem starken Team – nicht nur auf dem Rasen, sondern auch hinter den Kulissen. Intensiv suchte man den Kontakt mit dem Hamburger Fußballverband (HFV). Die ­ersten Spiele absolvierte man auf ­einem ­zugewiesenen Platz am Rand der Stadt und bis heute wird jeder Brief umgehend beantwortet. Längst nicht alle Vereine in den unteren ­Ligen werden so gut geführt wie die Falken.