Internetsucht und Hassliebe zu sozialen Medien

Fomo ist voll Pomo

Soziale Medien behaupten, ihren Nutzern die Kommunikation mit Freunden so einfach und reibungslos wie möglich zu gestalten. Viele werden von der Angst, etwas zu verpassen (dem Urban Dictionary zufolge »Fomo«), in die Abhängigkeit getrieben.

Wenn der heutige Tag vorüber ist, werden fast 1,5 Milliarden Menschen mindestens einmal Facebook genutzt haben. Trotz Berichten, dass das soziale Netzwerk im Gegensatz zu anderen langsam an Bedeutung verliere, verzeichnet es so viele täglich aktive Nutzer wie nie zuvor. Viele dieser 1,5 Milliarden Menschen benutzen neben Facebook auch noch andere soziale Medien – und zwar ständig. Einer kürzlich veröffentlichten Studie der Krankenkasse DAK zufolge verbringen 85 Prozent von knapp 100 000 befragten Jugendlichen in Deutschland im Schnitt drei Stunden täglich damit, Nachrichten auf Whatsapp zu schreiben oder Fotos auf Instagram anzuschauen.

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Was macht soziale Netzwerke so reizvoll, dass ein guter Teil der Weltbevölkerung täglich damit umgehen möchte? Was reizt Jugendliche, knapp ein Fünftel ihres Tages dort zu verbringen? Facebook und Co. scheinen auf ein bislang ökonomisch unzureichend genütztes Interesse, ein schlummerndes Bedürfnis ihrer Nutzer gestoßen zu sein. Für die Medien, die von sich selbst sagen, »sozial« zu sein, ist klar, was das für sie bedeutet. Sie begreifen sich als digital verlängerter Arm des sozialen Geschehens, das ohne sie ebenso stattfinden würde. Nur, mit ihnen funktioniere das Pflegen sozialer Kontakte schneller, effektiver, unterhaltsamer, weitreichender, reibungsloser. Der ehemalige Facebook-Mit­arbeiter Antonio García Martínez sah das ein wenig anders. In einem Interview mit der Zeit brachte er das Verhältnis vom Nutzer zum Netzwerk so auf den Punkt: »Facebook ist legales Crack«. Für ihn ist das Netzwerk keine digitale Erweiterung des sozialen Lebens, sondern schlicht so eingerichtet, dass es abhängig macht.

Zahlreiche Studien haben den Einfluss von sozialen Medien auf die Wahrnehmung von Menschen erforscht. Die Medienforschung nimmt an, dass die Sortier­algorithmen von Facebook und Twitter höchstwahrscheinlich die persönliche politische Einstellung nicht herausfordern, sondern bestätigen. Darüber hinaus gibt es erste Indizien, die zeigen, dass der Konsum sozialer Medien negative Auswirkungen auf die Selbstwahrnehmung haben kann – zum Beispiel wenn Nutzer auf Instagram laufend mit der schillernden Inszenierung des Lebens der anderen konfrontiert werden. Eine häufig zitierte psychologische Studie der US-amerikanischen Universität von Michigan will sogar einen direkten Zusammenhang zwischen der Nutzung von Face­book und emotionalem Wohl­befinden herausgefunden haben. Je öfter die Probanden das Medium nutzten, desto unzufriedener waren sie mit ihrem Leben.

Dass soziale Medien irgendwie schlecht sind, ist weniger ein Geheimnis, sondern eher Allgemeinwissen. Schon lange bevor der Langenscheidt-Verlag das Kofferwort »Smombie« 2015 zum Jugendwort des Jahres kürte, galt das pathologisch-abwesende Starren aufs Smartphone als höchst unsozial. Hassliebe zu sozialen Medien ist gesellschaftsfähig. Wer hat sich noch nicht über die Omnipräsenz der Displays im Nahverkehr oder auf Konzerten und Partys aufgeregt?

Wenn es schon zum Allgemeinwissen gehört, dass soziale Medien weder sozial sind noch machen, und auch nicht als ausgewogene Informationsquelle taugen oder ­wenigstens langfristig glücklich machen – wonach suchen die Nutzer dann, wenn sie gedankenlos über ihre Timelines scrollen? Diese frappierend einfache Frage stellt sich der britische Autor Marcus Gilroy-Ware in seinem Buch »Filling the Void – Emotion, Capitalism & Social Media«. Unter Rückgriff auf zahl­reiche jüngere Studien kommt er zu der Einschätzung, dass die Behauptung, Social Media mache etwas mit seinen Nutzern, zu einfach sei. Vielmehr sei es so, dass die Netzwerke ihren Nutzern etwas versprechen, das sie nie erfüllen – aber dieses Versprechen sei so attraktiv, dass die Nutzer sich immer wieder einloggen. Er nennt dieses Phänomen empty fridge, angelehnt an den notorisch-impulshaften Gang zu einem Kühlschrank, von dem man weiß, dass er leer ist. Maskiert wird dieser sucht­artige Konsum mit dem Deckmantel des angeblich »Sozialen« und eines völlig frei handelnden Individuums. Wer nicht mehr will, der kann doch einfach aufhören. Oder?

Die Psychotherapeutin Valentina Albertini ist auf Verhaltenssüchte und Mediensucht spezialisiert. In ihre Praxis in der Altstadt des Berliner Bezirks Spandau kommen Menschen, die ihren Internetkonsum nur noch schwer kontrollieren können und Hilfe suchen. Onlinespiele, das Streamen von Serien, Chats, Internet-Pornographie, soziale Medien – es gibt viele Segmente des Internets, die abhängig machen können. Aber das Netz ist kein Suchtmittel wie jedes andere, vor allem, weil es so allgegenwärtig ist, dass ein Leben ohne Internet kaum noch vorstellbar ist: »Beim Glücksspiel können Sie sagen: Meiden Sie bitte die Spielhalle. Das geht beim Internet nicht so leicht«, stellt Albertini fest.

Die Pinta-Studie (Prävalenz der Internetabhängigkeit) des Bundesgesundheitsministeriums von 2011 schätzte, dass etwa ein Prozent der 14- bis 64jährigen in Deutschland ­internetabhängig ist. Für Albertini ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass sie es mit einem ernstzunehmenden gesellschaftlichen Problem zu tun hat. Die ersten Testverfahren zur Erforschung der Internetsucht wurden in den neunziger Jahren entwickelt. Erst seit diesem Jahr gehört das Phänomen zum interna­tional anerkannten Krankheitskatalog ICD-11. Aber die Forschung wird schwieriger, weil es kaum noch jemanden gibt, der kein Internet nutzt. Kontrollgruppen, die bei Untersuchungen diesen oder jenen Einfluss erst tatsächlich ursächlich auf das ­Internet zurückführbar machen, können gar nicht zusammengestellt werden. Ein bekanntes Problem: Eine US-amerikanische Studie des Sexologen Simon Lajeunesse konnte nicht durchgeführt werden, da sich keine Männer zwischen 20 und 30 Jahren fanden, die noch nie online Pornos angeschaut hatten.

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