Studierende haben die Theater- und Filmuniversität SZFE in Budapest besetzt

Harter Lockdown gegen Orbán

In Budapest haben Studierende die Theater- und Filmuniversität SZFE besetzt, nachdem diese an eine private Stiftung übergeben worden war. Deren Vorsitzender steht der Regierungspartei Fidesz nahe.

An den improvisierten Absperrungen vor den mit rot-weißem Warnband ­abgeklebten Eingangstüren der Theater- und Filmuniversität SZFE in Budapest sind mit Panzertape Desinfektionsflaschen befestigt. Ein junger Student mit einer Mund-Nasen-Maske, auf der der Schriftzug »#freeSZFE« prangt, schiebt seine Schicht als Türsteher. Im Moment hält er ein Infrarotthermometer vor die Stirn einer gerade eintreffenden Kommilitonin. Derzeit dürfen nur eingeschriebene Studierende das besetzte Gebäude der Hochschule betreten, die als Hort der Theater- und Filmkunst Ungarns gilt. Das haben die Studierenden per Abstimmung beschlossen. Eine Sprecherin der Studierenden teilte mit, mit diesem harten lockdown solle verhindert werden, dass die Polizei ­unter dem Vorwand des Gesundheitsschutzes die seit dem 1. September ­andauernde Besetzung beendet.

Der Theaterregisseur Attila Vidnyánszky sagte, unter seiner Führung sollten »die Studierenden der Gemeinschaft dienen« und »stolz darauf sein, Ungarn und Kinder dieser Kulturnation zu sein«.

Seit diesem Tag hat an der SZFE offiziell der Vorsitzende des von der Regierung einberufenen Kuratoriums das Sagen, der Theaterregisseur Attila Vidnyánszky, seit 2013 Intendant des ­Nationaltheaters in Budapest; die Autonomie der Universität gilt als beendet. Vidnyánszky steht der Regierungspartei Fidesz nahe. Er sagte, unter seiner Führung sollten »die Studierenden der Gemeinschaft dienen« und »stolz ­darauf sein, Ungarn und Kinder dieser Kulturnation zu sein«. Derzeit sehen die Studierenden keinen anderen Ausweg, als die Hochschule besetzt zu halten, um sich gegen deren absehbare Neuausrichtung zu wehren. »Wir werden hierbleiben, arbeiten, studieren und einen Weg finden, um unsere Autonomie wiederzuerlangen«, gaben sie in einer gemeinsamen Erklärung bekannt.

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Seit 2011 lehrt Vidnyánszky an der Schauspielakademie in der südungarischen Stadt Kaposvár. Dort beklagten sich Studierende immer wieder über seinen von rechter Ideologie geprägten Unterricht. Als die Regierung ihn 2013 zum Intendanten des ungarischen ­Nationaltheaters ernannte, löste er dort Róbert Alföldi ab, der aufgrund seiner Homosexualität und seines progressiven Stils eine Hassfigur der ungarischen Rechten darstellte. Obwohl Alföldi das Haus zu einem erfolgreichen Publikumstheater gemacht hatte, wurde sein Vertrag nicht verlängert. Bereits seit längerem versucht die Regierung unter Ministerpräsident Viktor Orbán (Fidesz), ihre nationalistische Politik auch den kulturellen Institutionen des Landes aufzuzwingen (Jungle World 40/2013). Als der rechtsextreme Schauspieler György Dörner 2012 zum Direktor des Neuen Theaters in Budapest ernannt wurde, sollte das erst der Anfang gewesen sein.

Die Veränderungen an der SZFE deuteten sich bereits Ende vorigen Jahres an, als das zuständige Ministerium für Innovation und Technologie den vom Senat der Universität vorgeschlagenen Rektor ablehnte. Im Juli verabschie­dete das ungarische Parlament ein Gesetz, wonach die Universität an eine private Stiftung übergeben werden soll. Das Ministerium argumentierte, dies sei nötig, um aus der SZFE »eine wettbewerbsfähigere Institution zu machen, die besser auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen« reagieren könne.

Bálint Barcsai hat an der SZFE Regie studiert. Er hat sich freiwillig zum Wachehalten vor dem Gebäude gemeldet. In dem im Juli verabschiedeten Gesetz sieht er eine feindliche Übernahme: »Sie übernehmen aus ideologischen Gründen eine Uni und geben sie in private Hände. Aber das ist nur ein Vorwand, das Geld kommt trotzdem vom Staat, nur mit dem Unterschied, dass jetzt regierungsfreundliche Menschen die Schule führen. Niemand an der Universität wollte das. Das wurde uns von oben autoritär aufgedrückt.«

Tatsächlich hat die Regierung auch die vom bisherigen Senat für das neue Kuratorium vorgeschlagenen Kandidaten sowie eigene Vorschläge für eine Reform der SZFE ignoriert. Vidnyánszky bleibt derweil hartnäckig. Er sagt, er suche den Dialog, und drückt in regierungsnahen Medien sein Bedauern darüber aus, dass die protestierenden Studierenden von der Opposition ­manipuliert worden seien.

Janka Néder lassen solche Aussagen kalt. »Damit folgt die Regierung lediglich ihrem üblichen Kurs in der Kulturpolitik«, sagt die ausgebildete Puppenspielerin. Sie hat bereits an ihrer Alma Mater, der Moholy-Nagy-Universität für Kunsthandwerk und Gestaltung (MOME) in Budapest, beobachtet, wie die Regierung mehr Einfluss bekam. »An der MOME hat sich das über vier Jahre hingezogen. Diese Salamitaktik kennen wir also schon.«

Die Regierungen unter Orbán haben seit 2010 immer mehr Justizorgane und Medien unter ihre Kontrolle gebracht sowie Gesetze gegen NGOs ­beschließen lassen. Seit dem Sieg der Fidesz bei der Parlamentswahl 2018 richtet die Regierung ihr Augenmerk wieder vermehrt auf die noch nicht von ihr kontrollierten Bildungsinstitutionen. Die Central European Univer­sity vertrieb sie ins Wiener Exil (Jungle World 50/2018), den ungarischen Forschungsinstitutionen entzog sie weitgehend die Autonomie. Das im Dezember 2019 beschlossene neue Kulturgesetz läutete eine neue Runde in diesem Kulturkampf ein. Das Gesetz sichert der Regierung direkte Mitsprache bei Personal- und Budgetentscheidungen der kommunalen Theater, falls diese staatliche Unterstützung anfordern. Das betrifft auch die Budapester Theaterszene.

Das ist wohl auch ein Grund dafür, dass man bei der SZFE schon vorgewarnt war. Trotzdem hoffte man weiterhin, in einen Dialog über die zukünftige Verfassung der Universität treten zu können. Dann aber fiel die Regierung mit der Tür ins Haus. Überraschend verkündete sie am 28. August, nur wenige Tage vor Antritt des neuen Kuratoriums, Beschlüsse, mit denen der Senat entmachtet und Vidnyánszky de facto die Verfügungsmacht über die Hochschule übertragen wurde. Damit wollte man wohl die bisherige Leitung der SZFE und auch Lehrende und Studierende überrumpeln. Das gelang nicht: Am 31. August, dem nächsten Werktag, trat nahezu die ­gesamte Leitung der SZFE zurück, mittlerweile sind die Lehrenden offiziell in den Streik getreten. »Es gab einen Punkt, an dem man sehen und spüren konnte, ja, das ist der Moment«, so Néder über die seitdem einsetzende starke Soli­darisierung an der SZFE und bei ihr verbundenen Menschen.

In einem Land, in dem Proteste häufig eher harmlos ausfallen, ist die ­Besetzung einer Universität ein radikales Mittel. »Endlich gibt es eine Bewegung, die mutig genug ist, sich diesem immer dreister ausbreitendem System entschlossen entgegenzustellen«, freut sich Gergely Zöldy, ein freiberuflicher Bühnenbildner und ehemaliger SZFE-Student. »Sonst sind alle nur so abgefuckte Sofarevolutionäre. Solange es dich nicht persönlich betrifft, kommentierst du vielleicht irgendwas im Internet, beschwerst dich bei deinen Kumpels, regst dich zusammen mit ihnen auf – und dann geht ihr Kaffee trinken und es passiert nichts.«

Die Solidarität, die den Besetzerinnen und Besetzern derzeit aus weiten Teilen der ungarischen Gesellschaft und auch international entgegengebracht wird, macht Zöldy Hoffnung, dass die Proteste ein »Kloß sein können, der der Regierung im Hals stecken bleibt«.