Small Talk mit Anastasia Maksymova und Stephanie Sperling über das Berliner Beratungszentrum für Migration und Gute Arbeit

»Die Messlatte liegt jetzt höher«

Menschen, die wegen des Kriegs aus der Ukraine nach Deutschland geflohen sind, haben mehr Rechte als Asylbewerber. Sie erhalten mehr Geld und eine Arbeitserlaubnis. Mit welchen Problemen sie dennoch konfrontiert sind, erläutern Anastasia Maksymova und Stephanie Sperling vom Berliner Beratungszentrum für Migration und Gute Arbeit (Bema).
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Was macht das Bema?

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Sperling: Das Bema bietet neben Schulungen und Expertise anonym und kostenlos Beratung vor allem zu arbeits-, sozial- und aufenthaltsrechtlichen Themen für alle Gruppen von Zugewanderten in Berlin an. Als sich herauskristallisierte, dass in Berlin viele vor dem Krieg in der Ukraine fliehende Menschen ankommen, haben wir im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung für Integration, ­Arbeit und Soziales reagiert. Wir verbreiten Info-Materialien und unsere Angebote an Orten, an denen sich die Zielgruppe aufhält.

Wie ist die Situation für ukrainische Geflüchtete?

Maksymova: Problematisch ist die Situation für diejenigen, die in der Ukraine gewohnt haben, aber keine ukrainischen Staatsbürger sind. Die anderen können in der Regel den Antrag auf einen Aufenthaltstitel stellen und dürfen dann ganz legal arbeiten. Vieles läuft sehr schnell und über abgekürzte Wege. Die verschiedenen Ebenen der staatlichen Sozialleistungsträger haben kooperiert, um für ­Erleichterungen zu sorgen. Das zeigt: Die Strukturen können sich schnell ändern, wenn man das will.

Sperling: Dass den ukrainischen Geflüchteten zum 1. Juni bereits der Rechtskreiswechsel ermöglicht wurde (also der Wechsel vom Asylbewerberleistungsgesetz zu Sozialleistungen nach SGB II, wie es für deutsche Staatsbürger und anerkannte Asylberechtigte gilt, Anm. d. Red.), ist ein Novum. Ich finde es wichtig zu reflektieren, warum das jetzt möglich war und früher nicht. Ich wünsche mir einen Spillover-Effekt: die künftige Übertragung auf andere Gruppen. Die Messlatte liegt jetzt höher.

In welchen Bereichen und unter welchen Bedingungen arbeiten ukrainische Geflüchtete vor allem?

Maksymova: Das ist natürlich immer abhängig von den individuellen Qualifikationen. Es gibt viele Angebote in Supermärkten oder in Hotels, wo sie für Haushaltung oder Aushilfsarbeiten in der Küche gesucht werden. Pflegearbeit rund um die Uhr in Familien ist ein Klassiker, der jetzt verstärkt angeboten wird. Das läuft häufig über Vermittlungsfirmen. So entsteht ein großes Ausbeutungspotential: Oft können wir nicht nachvollziehen, was in den Familien los ist, wie lange die Menschen arbeiten und wie sie bezahlt werden. Arbeitgeber können zudem ausnutzen, dass viele verzweifelt nach Wohnungen suchen.

Sperling: Wir beobachten zwar derzeit keine extremen Formen der Ausbeutung. Dass es sie gibt, wäre jedoch die logische Schlussfolgerung aus bisherigen Erfahrungen. Ich glaube, dass die Dunkelziffer hoch ist. Die Leute bringen viel Unsicherheit mit und wissen nicht, wem sie etwas sagen können. Eine unserer Aufgaben ist es, Vertrauen zu schaffen, damit uns auch die Fälle erreichen, in denen Ausbeutung passiert.

Was braucht es, um die Situation von Flüchtlingen und Migranten zu verbessern?

Sperling: Wohnungen, Gesundheitsvorsorge und Kinderbetreuungsplätze sind der Grundstein. Dann müssen den Geflüchteten geeignete Sprachkurse angeboten werden, außerdem sollten die Jobcenter qualifikationsadäquat vermitteln. Die Erlaubnis für alle Geflüchteten, legal in Deutschland zu arbeiten, ist eine unserer wichtigsten Forderungen. Wer die nicht hat, arbeitet in den meisten Fällen undokumentiert und unter schlechten Bedingungen, die bis hin zu Zwangsarbeit gehen können.