Auch der professionelle Schachsport bleibt nicht von den Auswirkungen der Coronakrise verschont



Schachmatt wegen Corona

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»Meine Form ist schrecklich. Ich will in dieser ganzen Situation überhaupt nicht spielen«, sagte Alexander Grischtschuk in der vergangenen Woche. Mit 36 Jahren ist er der älteste Teilnehmer am Kandidatenturnier 2020 in Jekaterinburg. Einen Tag nach Grischtschuks Mitteilung verschob der internationale Schachverband Fide das Turnier, nachdem bereits sieben Runden gespielt waren. Während der Eröffnungszeremonie hatte das Publikum mehrheitlich ohne Atemmasken dicht an dicht gesessen, die Kandidaten hatten sich vor den Spielen nicht die Hand gegeben und waren auf Ellenbogenchecks ausgewichen, der Favorit Ding Liren hatte nach zwei Wochen Quarantäne dermaßen neben sich gestanden, dass er die ersten beiden Spiele verlor, womit seine Serie von exakt 100 siegreichen Partien endete. Es sei eine »feindliche Atmosphäre«, sagte Grischtschuk, das Turnier solle so nicht stattfinden.

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Für die Kandidaten stand damit eines der wichtigsten Ereignisse ihrer professionellen Karriere unter einem denkbar ungünstigen Stern. Das Kandidatenturnier findet alle zwei Jahre statt und entscheidet darüber, wer den Weltmeister, gegenwärtig Magnus Carlsen, zum Titelkampf herausfordern kann. Die Nominierung der acht Spieler ergibt sich aus deren Rang in der ELO-Wertung und dem Sieg bei wichtigen Turnieren, etwa dem Weltpokal, den vergangenes Jahr überraschenderweise Teimour Radjabov gegen Ding Liren erringen konnte. Radjabov war in Jekaterinburg aber nicht dabei, er hatte seine Teilnahme aus »persönlichen Gründen« abgesagt, wie er die Sorge wegen der Coronaepidemie umschrieb. Seine Sorge war – wie bereits zu Turnierbeginn deutlich wurde – berechtigt. Die Absage Radjabovs erlaubte es Maxime Vachier-Lagrave, als Ersatz einzuspringen; trotz geringer Vorbereitungszeit führte er das Turnier gemeinsam mit Yan Nepomniachtchi an.

Das Kandidatenturnier wurde allerdings nicht ausgesetzt, weil der Schachverband einen Fehler einräumte, sondern weil Russland den Flugverkehr drastisch beschränkt hat und nicht mehr garantiert werden kann, dass die Kandidaten sicher nach Hause kommen. Fabiano Caruana, der Carlsens 2018 zum Titelkampf herausgefordert hatte, twitterte vom Flughafen aus, die Vorgänge seien eine »komplette Farce«. Radjabov forderte die Fide auf, ihn bei der Fortsetzung des Turniers wieder aufzustellen.

Die Zeiten, in denen jemand wie Bobby Fisher den Turnierveranstaltern noch die absurdesten Bedingungen diktieren konnte, sind vorbei. Während weltweit so gut wie alle relevanten sportlichen Großveranstaltungen abgesagt wurden, trieb die Fide die Spieler ungerührt zum Weitermachen an und gefährdete damit nicht nur deren Gesundheit, sondern brachte alle Schachinteressierten um die Gelegenheit, die Kandidaten in Bestform zu sehen. Wer auch immer Carlsen herausfordern wird: Es bleiben ein bitterer Beigeschmack und der Ärger über einen Verband, der versucht, das eigene Profitkalkül hinter einem immensen Regelwerk zu verbergen.