Ronya Othmann, Schriftstellerin, im Gespräch über die Verfolgung der Yeziden

»Hier geht die Panik um«

Bereits vor 2014 waren Yeziden vor der Verfolgung in ihren Herkunfts­ländern geflohen, die Massaker des »Islamischen Staats« verschärften die Situation dann noch weiter. Vielen in Deutschland lebenden Yeziden droht die Abschiebung, obwohl ihre Sicherheit im Irak nicht gewährleistet ist. Die »Jungle World« sprach mit der Schriftstellerin Ronya Othmann über Geschichte und Ursachen der Verfolgung sowie die gesellschaftlichen Veränderungen in der yezidischen Community.
Interview Von

Ihr Buch »Vierundsiebzig« handelt von einer Spurensuche zum Völkermord an den Yeziden durch den »Islamischen Staat« (IS). Dabei breite es Seite um Seite eine Vernichtungslandschaft aus, die Armenier kommen vor, die Assyrer, die Kurden und ihre Verfolgung durch Saddam Hussein. An einer Stelle schreiben Sie, dass alle diese Dinge zusammenhängen. Wie denn?
Es gibt allein bei den Yeziden schon eine lange Verfolgungsgeschichte. Man könnte im Osmanischen Reich anfangen, wo Minderheiten wie den Yeziden nicht in das Millet-System der offiziell anerkannten Religionen gepasst haben und spezifisch verfolgt wurden. Oder man kann auf die jüdische Bevölkerung im Irak schauen und auf das Massaker des Farhud 1941 (als Farhud, Arabisch für »gewalttätige Enteignung«, wird ein Pogrom gegen die jüdischen Bevölkerung Bagdads am 1. bis 2. Juni 1941 bezeichnet, bei dem mindestens 180 Juden getötet wurden; Anm. d. Red.). Die nationalistischen Regime, ob arabisch oder türkisch, haben alles bekämpft und unterdrückt, was nicht ihren Vorstellungen entsprochen hat, also etwa die Kurden, die nicht in eine derart nationalistische Türkei passen, weil dort alle Türken sein müssen. Das ist ebenso auf religiöser Ebene geschehen: Wer nicht in den sunnitischen Islamismus passt, wird vertrieben, unterdrückt, zwangskonvertiert oder im schlimmsten Fall ermordet.

»Die Überlebenden bleiben meist in der Nähe des Gebirges; sie sind nicht in ihre Dörfer zurück­ge­gan­gen, damit sie schnell fliehen können, falls wieder etwas passiert.«

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